Die Kirchenzeitung DER SONNTAG berichtet in ihrer Ausgabe Nr. 41 vom 14. Oktober 2018 über die Initiative des Kirchenbezirkes "Ev. Gütesiegel Familienorientierung"

Kein Wochenende frei

Familie und Beruf: Der Kirchenbezirk Löbau-Zittau überprüft, wie familienfreundlich seine Arbeitsbedingungen sind. Wenn das Projekt erfolgreich ist, könnte er dafür ein Gütesiegel bekommen – als Vorreiter in der Landeskirche.
Von Irmela Hennig und Uwe Naumann.

Später Nachmittag im Pfarrhaus von Bischdorf bei Löbau. Die Söhne von Friedemann Bublitz spielen im Garten unterm Apfelbaum. Der Geistliche freut sich, dass die vier Jungen draußen sind und keine Stubenhocker. Mit ihnen spielen kann Friedemann Bublitz jetzt nicht. Gerade ist die Presse da zum Gespräch. Dann wartet noch ein Termin auf den gebürtigen Nordsachsen. Einen geregelten Feierabend, feste Arbeitszeiten – die gibt es nicht im Pfarrerberuf. Auch für andere kirchliche Mitarbeiter wie Gemeindepädagogen und Kantoren sind sie eher unüblich. Das wissen diejenigen, die sich darauf einlassen. Doch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Diakonie Deutschland wollen das nicht mehr als selbstverständlich ansehen. Mit einem bundesweiten Modellprojekt suchen sie derzeit nach Wegen, um die Arbeit für Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kantoren familienfreundlicher zu gestalten. Die Region Löbau-Zittau nimmt als einziger Kirchenbezirk Deutschlands an dem Vorhaben teil. Pfarrer Friedemann Bublitz gehört zur Arbeitsgruppe im Bezirk, die das Projekt »Evangelisches Gütesiegel Familienorientierung« zwischen Oybin und Kittlitz, Ostritz und Taubenheim umsetzen.
26 Pfarrerinnen und Pfarrer, neun Kantoren und 23 Gemeindepädagogen betrifft das derzeit konkret. Sie hatten in den vergangenen Wochen Gelegenheit, einen Fragebogen auszufüllen und anonym abzugeben. Damit versuchte das Gütesiegel-Team herauszufinden, was schon gut läuft in Sachen Familienorientierung und was nicht. Neun Pfarrer, vier Gemeindepädagogen und ein Kantor haben sich beteiligt. Das Ergebnis zeigt klare Herausforderungen auf (siehe Kasten unten).
Aus dem, was das Team nun weiß, soll es bis zum nächsten Frühling 14 Maßnahmen entwickeln, um den Arbeitsalltag familienfreundlicher zu gestalten. Das beziehe sich ausdrücklich nicht nur auf Familien mit Kindern, sondern auch auf Mitarbeiter, die etwa ihre Eltern oder einen Partner pflegen oder ein behindertes Kind betreuen. Sieben Maßnahmen sollten bis 2019 schon vorhanden sein (siehe unten), sieben weitere erarbeitet werden. Pfarrer Bublitz kann sich zum Beispiel einen verbindlich freien Sonntag im Quartal vorstellen oder einen wirklich dienstfreien Tag pro Woche. Wie das dann jeder Mitarbeiter für sich umsetzt, liege auch im eigenen Ermessen. »Wenn eines meiner Gemeindeglieder plötzlich ins Krankenhaus muss, dann gehe ich natürlich hin, selbst wenn ich Urlaub habe«, sagt der Pfarrer. Andere gehen damit anders um, das müsse jeder selbst entscheiden. Auch für ihn ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiges Thema. Seine Frau sei zwar keine Pastorin, aber leidenschaftliche Pfarrfrau. Da sei auch viel unter einen Hut zu bringen.
Was auch immer das Team unter Leitung von Superintendentin Antje Pech an Maßnahmen entwickelt, wird von unabhängigen Prüfern begutachtet. Am Ende des Prozesses steht das Evangelische Gütesiegel Familienorientierung. Allgemeine Standards für alle Teilnehmer seien daran aber nicht geknüpft, sagt Projektleiterin Franziska Woellert.
Die Voraussetzungen in den 14 Piloteinrichtungen seien sehr unterschiedlich: Die diakonischen Träger spürten den Fachkräftemangel schon deutlicher und auch bei manch kirchlichem Träger wie etwa in der Oberlausitz sei der Druck schon hoch. Deshalb hätten diese Teilnehmer das Thema Familienfreundlichkeit schon stärker in den Blick genommen, wenn auch oft in Einzelfall-Lösungen, informell oder intransparent. Diesen Zustand in verbindliche, nach außen darstellbare Regelungen zu überführen, sei das Ziel der Initiative, sagt Franziska Woellert. Superintendentin Antje Pech hofft, dass das Siegel hilft, Mitarbeiter für den Kirchenbezirk Löbau-Zittau zu gewinnen oder sie zu halten. Bewerbungen in die Region, die vielen »so weit weg« sei, gebe es nämlich kaum. Neue Leute kämen, weil sie nach der Ausbildung geschickt werden. »Dann finden sie es aber schön hier«, so Pech.

Familienorientierung in der Ephorie Löbau-Zittau

    In einer Umfrage unter Verkündigungsmitarbeitern war positiv:
  • freie Zeiteinteilung im Arbeitsalltag, damit Freiräume möglich
  • Arbeit oft von zuhause möglich
  • Mitnahme von Kleinkindern zum Arbeitsplatz möglich
    In Umfrage negativ aufgefallen:
  • wöchentliche Abendtermine
  • eigene Freizeit ist Arbeitszeit der anderen
  • Abrufbereitschaft, Sonn- und Feiertage sind Dienstzeit
  • Meldung auch bei kurzfristiger Ortsabwesenheit
  • zu viele Konvente und Planungsrunden
    Geplante Maßnahmen der Ephorie zur Familienorientierung:
  • Kinderbetreuung bei allen ephoralen Veranstaltungen
  • Fortbildungsangebote während der Elternzeit
  • zinslose Darlehen in Notsituationen durch den Kirchenbezirk
  • Möglichkeiten der Freistellung transparent gestalten, etwa zur Pflege demenzkranker Eltern oder dem Klinikaufenthalt eines Kindes
  • Aufgabenbeschreibungen für alle Mitarbeiter, auch alle Pfarrer
  • pro Region ein Dienst-PKW durch Ephorie zur Verfügung stellen
  • »Großeltern-Dienst« durch Ehrenamtliche bei Abendterminen


Ev.-Luth. Kirchenbezirk Löbau-Zittau • Friedhofstraße 3 • 02708 Löbau
Telefon 03585 415771 • Fax 03585 415773 • eMail suptur.loebau_zittau@evlks.de
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