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  • 2018-03-08 - Wer bedürftig ist, soll Hilfe bekommen

Wer bedürftig ist, soll Hilfe bekommen

Der Fall der Essener Tafel bewegt die Republik. In Essen werden - so die Berichterstattung in den vergangenen Tagen - keine weiteren Ausländer und Flüchtlinge mehr als Bedürftige aufgenommen, weil durch den hohen Ausländeranteil der Tafelbesucher deutsche Hilfsbedürftige zunehmend ins Hintertreffen geraten waren. interessant und exemplarisch, wie so eine Meldung im erhitzten Meinungsstreit der Gesellschaft ausgewertet wird. Die Linke ruft sofort anklagend, dass die Armut in Deutschland immer stärker um sich greife. Von der Regierung kommen Anstrengungsankündigungen, jetzt mehr zur Armutsbekämpfung zu tun. Aus der AfD-sensiblen Ecke der Gesellschaft schallt es sofort, das sei Rassismus, und Nächstenliebe gelte hier offenbar nur für die richtigen Ausweisbesitzer. Und aus der rechte Szene werden die Rufe noch verstärkt, dass deutsches Geld doch endlich zuerst auch den Deutschen zugutekommen sollte und dass die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung an allem Schuld sei. Mich beschleicht das Gefühl, dass diese Angelegenheit meist nur für die eigenen Positionen und Ziele ausgeschlachtet wird.
So viel Lärm um eine von mehr als 900 Tafeln in Deutschland. Warum müssen eigentlich überall die gleichen Regem gelten? Warum halten wir es so schwer aus, wenn es irgendwo einmal anders gemacht wird, als wir das eben für richtig halten? Woher der Reflex, zu allem eine Meinung zu haben und diese mitunter auch in demütigendem Ton zu äußern? Für mich stellen sich aus der Situation dieser Tafel vor allem zwei Fragen: Wie würde ich wohl selbst entscheiden und meine Hilfe „aufteilen“? Und woher nehme ich eigentlich die innere Kraft, wenn es gilt, für andere da zu sein und Bedürftigen zu helfen? Zumindest vom Schreibtisch aus würde ich für mich entscheiden: Wer hilfsbedürftig ist, der soll Hilfe bekommen. Und meine Motivation dafür besteht darin, dass ich glaube, jeder Mensch - egal mit welchem oder ohne Pass - ist ein Kind und Ebenbild Gottes.
Aber halt, da fällt mir noch eine dritte Frage ein: Warum bin ich eigentlich nirgendwo als ehrenamtlicher Mitarbeiter bei einer Tafel dabei? Und bis zu einer befriedigenden Antwort auf diese Frage möchte ich mir kein Urteil über die Situation in Essen (oder anderswo) erlauben.

"Wort zum Sonntag", von Thomas Markert, Pfarrer in der Kirchgemeinde Kemnitz,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 8. März 2018


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