Christliche Feiertage abschaffen?

Man kann darauf warten: Jedes Jahr kurz vor Karfreitag fühlen sich linke Politiker oder engagierte Nichtchristen dazu berufen, sich über das Verbot von Tanzveranstaltungen am Karfreitag zu beschweren. Man meint offenbar, Rücksicht zu nehmen auf die, die den stillen Feiertag im Gedenken an das gewaltsame Sterben Jesu feiern, kann einer mehrheitlich ungläubigen Bevölkerung nicht zugemutet werden. Die Trennung von Staat und Kirche sei offensichtlich noch längst nicht vollzogen. Aber wie soll diese Trennung aussehen?

Man darf als Pfarrer ja mal träumen: Eigentlich haben sie recht, die so reden oder denken. Aber sie sind dabei aus einsichtigen Gründen nicht konsequent. Es wäre aus ihrer Sicht viel logischer, die christlichen Feiertage ganz abzuschaffen! Man kann ja einer mehrheitlich nichtchristlichen Bevölkerung nicht zumuten, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, den Reformationstag, Buß- und Bettag und außerdem noch das christliche Weihnachten zu feiern. Christen, denen „ihre“ Feiertage wichtig sind, sollten Anspruch auf unbezahlte Freistellung haben, alle anderen haben die Möglichkeit, an diesen Tagen unbehelligt von religiöser Bevormundung zu arbeiten, zu tanzen und zu tun, was auch immer sie mögen. Keine Nötigung mehr, christliches Abendland ertragen zu müssen. Wie man das mit dem Sonntag macht, der ja auch ein christlicher Feiertag ist, das wird man extra überlegen müssen, seine Abschaffung als arbeitsfrei war ja auch schon ernsthaft im Gespräch.

Wirft man einen Blick auf die dann verbleibenden Feiertage, so stellt sich die Frage, ob da nicht auch Menschen in ihrer weltanschaulichen Selbstbestimmung diskriminiert werden. Am 1. Januar feiern weder Juden noch Muslime ihr Neujahr, der 1. Mai, Kampftag der Arbeiterklasse, in seiner langen Geschichte mehrfach umgewidmet, ist vielen DDR-Bürgern noch gut in Erinnerung als Tag mit Demonstrationspflicht und roter Nelke, ganz gleich, ob man der kommunistischen SED nahestand oder nicht. Also am besten auch abschaffen, Stichwort Gleichbehandlung. Bliebe nur der Tag der Deutschen Einheit, aber ich fürchte, da gibt es auch Menschen, die sich damit nicht identifizieren können …

Aus der Pfarreralbtraum, zurück in unsere Realität: Die Aufhebung des umstrittenen Verbots nähme diesem Feiertag seinen besonderen Charakter. Der Sinn dieses Tages würde aufgegeben, um Beliebigkeit zu ermöglichen. Dazu hat jeder in seinem privaten Umfeld das Recht. Aber welchen Sinn ein sinnloser Feiertag für unsere Gesellschaft hat, kann man ja gern diskutieren. Mal ehrlich: Ist es wirklich so eine Zumutung, an einem von 365 Tagen nicht tanzen zu dürfen? Warum ist es so schwer, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen? Kann man nicht sagen: Wenn ich schon an einem christlichen Feiertag nicht auf Arbeit oder in die Schule muss, dann respektiere ich wenigstens die Besonderheiten dieses Tages, auch wenn ich sie innerlich nicht nachvollziehen kann? Das sollte in einer Gesellschaft, die sich so tolerant gibt, eigentlich Standard sein. Wir können alle besser leben, wenn wir aufeinander Rücksicht nehmen. Leben und leben lassen. Die österliche Freudenzeit gibt viel Anlass zur Dankbarkeit und da wird sich niemand daran stören, wenn Sie fröhlich feiern und tanzen.

"Wort zum Sonntag", von André Rausendorf, Pfarrer der Kirchgemeinde Am Großen Stein Seifhennersdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 12. April 2018.


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