Das Denken der Anderen

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor 4 des Atomkraftwerkes in Tschernobyl. International galt diese Katastrophe als höchste Kategorie atomarer Unfälle. Die Bevölkerung der DDR erfuhr davon fast nichts. Ergebnisse von Strahlungsmessungen wurden nicht veröffentlicht, Warnungen vor belasteten Lebensmitteln gab es nicht.

Es ist heute kaum noch nachvollziehbar, an wie wenig Informationen damals ein normaler Mensch überhaupt herankam. Ganz anders heute: die Fülle von Informationen ist eher erdrückend dicht. Und doch gibt es auch heute wieder vielerorts neues Misstrauen. Kann man noch glauben, was auf „offiziellen Kanälen“ gesendet wird? Die Rede von „fake-news“ oder von der „political correctness“ macht die Runde. Damit kritisiert man zumeist Nachrichten, die einem nicht ins eigene (linke oder rechte, auf jeden Fall correcte) Weltbild passen. Das Ergebnis: Wahr ist nicht mehr das, was den Tatsachen entspricht sondern das, was meine eigene Meinung bestätigt. Die Folge: Es gibt kaum noch einen echten Austausch zwischen unterschiedlichen Überzeugungen. Das eigene Echo klingt vielen schöner als die Stimme einer anderen Meinung.

„Seid schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“. So lautet ein Rat aus dem Jakobusbrief in der Heiligen Schrift. An diesen Satz muss ich in letzter Zeit oft denken. Es fällt mir manchmal selber nicht leicht, mich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, der anders tickt, der eine andere Meinung hat, der anders reagiert als ich. Aber wäre das nicht gut investierte Mühe? Erspart es nicht inneren Ärger? Und könnte es nicht das Klima in unserem Land verändern?

"Wort zum Sonntag" von Jonathan Hahn, Pfarrer der Kirchgemeinde Bernstadt a.d.Eigen,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 19. April 2018


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