Südlicher Blick

Die Stille habe sie besonders beeindruckt, meinte sie. Und dass hier so viele Leute mit dem Fahrrad unterwegs seien. Und überall die saubere Landschaft und frische Luft. Dass unsere Alten hier selbstbestimmt und unabhängig ihr Leben führen könnten und eine eigene Rente hätten. Und dass wir hier in einem großen Frieden leben würden. Dafür dürften wir Gott doch so unendlich dankbar sein.

Am vergangenen Sonntag haben wir Helan Monica, eine 40-jährige lutherische Pfarrerin aus Südindien, in einem bewegenden Gottesdienst in Sohland a. R. herzlich verabschiedet. Für neun Tage war sie bei uns und in unserem Kirchenbezirk zu Gast. Und ich hatte sie am Ende des Gottesdienstes gefragt, was sie in diesen neun Tagen hier besonders positiv beeindruckt hätte.

Wie merkwürdig, ihre Sicht der Dinge: Mir begegnet sonst eher das Gefühl, dass hier so tief im Osten einfach nichts los sei - zu viel der Stille. Oder dass es doch endlich mehr Fahrradwege geben müsste. Oder dass die Nitrate aus der landwirtschaftlichen Düngung unsere Gewässer vergifteten. Dass die letzte Rentenerhöhung nur ein armseliger Klacks gewesen sei. Und wie - wahlweise - die Nato oder Russland oder auch unfähige Politiker in Berlin oder Brüssel zur Bedrohung für den Frieden würden. Seltsam, dachte ich, mit so einem südlichen Blick sieht hier vieles anders, freundlicher, glücklicher, gelungener aus. Und noch seltsamer war, wie dankbar Helan Monica von ihrem christlichen Glauben und von Gottes Gnade sprach, wenn sie von ihrer indischen Heimat und Kirche erzählte. Und wir ärgern uns lieber über die Bürokratie des neuen Datenschutzgesetzes. Könnte man das nicht bitte auch irgendwie mit so einem „südlichen Blick“ betrachten? Was dabei herauskommen könnte? Wenigstens die überraschende Einschätzung, dass wir wohl offenbar keine schlimmeren Probleme haben. Also, wenn das mal kein Grund für einen Dank ist! An Helan. Und gerne auch wieder mal an Gott.

"Wort zum Sonntag", von Thomas Markert, Pfarrer in der Kirchgemeinde Kemnitz,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 31. Mai 2018


Ev.-Luth. Kirchenbezirk Löbau-Zittau • Friedhofstraße 3 • 02708 Löbau
Telefon 03585 415771 • Fax 03585 415773 • eMail suptur.loebau_zittau@evlks.de
Sprechzeiten: Montag - Freitag 8:00 bis 14:00 Uhr