Vom Fischer lernen

Lieber Leserinnen und Leser, es gibt eine Geschichte des Schriftstellers Heinrich Böll, die gut in unsere Zeit, besonders aber auch zum Sommer passt. Vielleicht plant ja manch ein Mensch für die nächsten Wochen eine Urlaubsreise, in die Berge oder ans Meer.

Am Meer spielt Bölls kleine Geschichte. Ein Tourist spaziert mit seiner Kamera durch den Hafen eines kleinen südländischen Örtchens, fotografiert hier und da und sieht so einen Fischer in der Sonne liegen. Der döst und genießt ganz offensichtlich seinen arbeitsfreien Nachmittag. Der Tourist nähert sich und beginnt ein Gespräch. Der Fischer antwortet nur zögerlich und einsilbig, Doch der Tourist lässt nicht locker. Warum er denn hier in der Sonne liege, statt noch einmal aufs Meer zu fahren und womöglich einen guten Fang zu machen, fragt er.
Doch der Fischer hat genug gefangen. So viel, dass es für den Tag ausreicht, ja darüber hinaus sogar für die folgenden Tage. Das genügt dem Touristen nicht. Und so fragt und redet er weiter und gerät nach und nach in Begeisterung für die Arbeit des Fischers.
Was wäre, wenn der Fischer nun doch ein zweites Mal ausfahren würde? Er könnte doppelten Gewinn machen, könnte das Gleiche am nächsten Tag wiederholen und auch in der kommenden Woche, könnte irgendwann von dem Gewinn ein zweites Boot erwerben, einen Angestellten haben, sich vergrößern, einen großen Kutter kaufen, eine Fabrik eröffnen und ein Restaurant oder Handel betreiben mit den größeren Städten im Inland. Immer größer könnte das Unternehmen werden, und dann … - dem Touristen stockt der Atem. Was dann, fragt der Fischer interessiert. Dann, sagt der Tourist zum Fischer, könnten Sie hier in der Nachmittagszeit in der Sonne liegen und dösen.

Der Fischer hat, wonach der Tourist sucht. Und vielleicht können wir es ihm ein wenig nachfühlen. Wir haben ja alles, was wir zum Leben brauchen und kennen eigentlich keinen Mangel. Doch oft fehlt uns die nötige Zeit. Wir hasten durch unseren Alltag wie der Tourist mit seiner Kamera durch den Hafen. Darüber verlieren wir aus den Augen, was uns guttut. Wir schmieden Pläne und verfolgen Ziele, haben Wünsche und Ansprüche, ja auch manche Nöte und Lasten. Und viele Menschen scheitern daran und werden krank durch Zeitdruck und Überlastung.
Der Fischer hat für sich einen Weg gefunden, seine Ansprüche an das Leben in Einklang zu bringen mit dem Alltag seiner Arbeit. Er kennt Mühe, aber auch echte Entspannung. Was könnte man vom Fischer lernen? Was sind Ihre Pläne für die kommenden Wochen?

"Wort zum Sonntag", von Friedemann Bublitz, Pfarrer der Kirchgemeinde Bischdorf-Herwigsdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 28. Juni 2018


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