Glockengeläut bedeutet Heimat

Dreimal am Tag läuten bei uns in Olbersdorf die Kirchenglocken: um 8 Uhr, um 12 Uhr und um 18 Uhr. Das ist manchmal ganz praktisch: Man weiß die Uhrzeit, ohne auf die Uhr zu sehen. Die Mütter sagen ihren Kindern: „Wenn die Glocken abends läuten, kommst du nach Hause!“
Dafür ist das Geläut aber ursprünglich nicht gedacht. Die Glocken läuten zu den Gebetszeiten: Morgengebet, Mittagsgebet, Abendgebet. In den Klöstern werden diese Stundengebete und noch weitere (im Kloster Marienthal gibt es sechs) jeden Tag nach festen Formen gebetet.
Ein Mönch hat einmal zu mir gesagt: „Wenn wir die Glocken hören, lassen wir alles, was wir gerade tun, stehen und liegen und gehen in die Kirche.“ Unsere Vorfahren ließen beim Glockengeläut ihre Arbeit ruhen und sprachen ein Gebet. Auf dem Feld oder in der Küche oder wo sie gerade zu tun hatten.
In unserer säkularisierten Welt gibt es inzwischen Proteste gegen das Glockengeläut. In den Städten fühlen Menschen sich gestört und versuchen, dagegen vorzugehen, dass sie morgens vom Läuten geweckt werden. Für mich hat Glockenläuten immer Heimat bedeutet und Geborgenheit. Es verbindet Menschen miteinander: Alle, die bewusst darauf hören.
Die Glocken erinnern daran, dass es in unserem Leben noch eine weitere Dimension gibt als nur den Alltag und mehr als das, was wir sehen und anfassen können. Die Glocken öffnen für ein paar Minuten ein Fenster zum Himmel.

Anfang Juli bin ich mit ein paar Jugendlichen nach Taizè gefahren, zu einer ökumenischen Mönchsgemeinschaft in Frankreich. Jeden Tag haben wir an den drei Gebetszeiten teilgenommen. Da habe ich erneut erlebt, wie Gebet sein kann: Ganz einfach, mit gesungenen Bibelversen, die immer wiederholt werden - und einer langen Stille. Niemand predigt. In der Stille finde ich meinen eigenen Weg zu Gott. Wie es im Psalm 62 heißt: Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.

"Wort zum Sonntag", von Barbara Herbig, Pfarrerin der Kirchgemeinde Olbersdorf mit den Schwesterkirchgemeinden Lückendorf-Oybin, Jonsdorf und Bertsdorf.
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 21. Juli 2018


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