Sehnsucht nach den einfachen Dingen

„Vom Norden bis zum Süden, vom Westen bis zum Osten: Hört das Gebet der Mütter – gewährt ihnen Frieden.“ Wer das „Gebet der Mütter“ der jüdischen Folk-Musikerin Yael Deckelbaum gesehen bzw. gehört hat (Youtube: „deckelbaum prayer“ eingeben), versteht, weshalb christliche Gemeinden jährlich um diese Zeit einen Sonntag dem Thema „Israel“ widmen. Was macht es für uns, die wir in Frieden leben, attraktiv, auf den Konfliktherd Nahost zu blicken, wo die Israelis und ihre Nachbarn seit über hundert Jahren gar nicht kulturvoll im Streit miteinander liegen?
Für mich ist es die Sehnsucht der Menschen in Nahost: Viele Frauen und Männer, palästinensische, israelische und arabische, sehnen sich schlicht nach Frieden, haben über die letzten Jahrzehnte ihre Kinder aus Angst nur betend in die Schulen schicken können; im Hintergrund Kriegsgeräusche, mehr oder weniger fern. Über diese Sehnsucht mögen wir lächeln: Wenn unsere Kinder mit Angst in die Schule gehen, dann hat das andere Gründe.
Trotzdem: Die Sehnsucht im „Gebet der Mütter“ lässt mich fragen: Liegen unsere Probleme – Schnellebigkeit, Übersättigung, Entsolidarisierung – vielleicht auch darin begründet, dass wir uns zu wenig nach den einfachen Dingen sehnen? Zum Beispiel: Arbeiten, um satt, aber nicht übersättigt zu werden? Gerechtigkeit zwischen den Völkern erstreben, anstatt damit zufrieden zu sein, wenn der eigene Staatshaushalt stimmt?
Dass das eigene Volk nicht zum Selbstzweck existiert, das ist wenigstens dem Volk Israel schon früh bewusst: Wer sich von seinem Gott zu gerechtem Handeln motivieren lässt, durch den profitieren alle anderen Nationen ebenso (Jesaja 2,1-5). Vielleicht finden wir in der Sehnsucht nach genügsamer Gerechtigkeit den Schlüssel dafür, ähnlich ausdrucksstark zu leben wie die Menschen in Nahost.

"Wort zum Sonntag", von Stephan Rehm, Vikar in der Kirchgemeinde Neugersdorf 
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 1./2. September 2018


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