Von Rechten und Pflichten

Eine allgemeine Dienstpflicht wäre ein wichtiger Beitrag zu mehr Miteinander.

Entschuldigen Sie bitte! Denn ich erlaube mir, neben dem Wort „Recht“ auch das Wort „Pflicht“ zu benutzen. Mir ist schon bewusst, dass es üblich ist, in jedem Zusammenhang seine Rechte zu betonen und auch wahrzunehmen. Das ist auch in Ordnung. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Wenn ich mein Recht einfordere, muss es ja auch jemanden geben, der die Pflicht hat, mir dieses Recht zu gewähren. Und da haben wir das Dilemma. Immer weniger Menschen sind bereit, Pflichten zu übernehmen. Schon gar nicht in Bereichen, die uns an die unangenehmen Seiten des Lebens erinnern.

Das Stichwort Pflegenotstand weist in diesem Zusammenhang nur auf einen, allerdings sehr umfangreichen Bereich unseres gesellschaftlichen Lebens hin. Familien geraten oft an die Grenze dessen, was sie neben allen anderen Aufgaben noch leisten können. Das gilt nicht nur für die Versorgung altgewordener Eltern, auch kranke oder behinderte Kinder können Familien irgendwann überfordern. Wer kann helfen? Schnell ist die Antwort parat: Der Pflegedienst, das Pflegeheim. Was aber, wenn diese aus Personalmangel nicht oder nicht ausreichend helfen können? Es gab Zeiten, da halfen Zivildienstleistende. Sie übernahmen Aufgaben, die teures Fachpersonal nicht unbedingt leisten muss. Sie hatten den zeitlichen Spielraum, auch menschliche Zuwendung zu geben, Gespräche zu führen, einen Spaziergang zu machen. Mit der Abschaffung der Wehrpflicht entfiel logischerweise auch der Zivildienst. Aber der Bedarf, den die Zivis von damals abgedeckt haben, ist offenbar nicht durch Bundesfreiwilligendienst oder anderen freiwilligen Einsatz abgedeckt worden. Warum ist es deshalb so unzumutbar, eine allgemeine Dienstpflicht einzuführen? Es gibt ja viele Bereiche in unserem Zusammenleben, in denen junge Menschen sich sinnvoll einbringen könnten, in denen sie mit ihrer jugendlichen Kraft und Unbeschwertheit der Gesellschaft etwas zurückgeben könnten von dem, was sie bisher von ihr empfangen haben. Um Beispiele für diesen Einsatz zu nennen: freiwillige Feuerwehr, Sportverein, Kirchgemeinde, Kindergarten, Heimatpflege, Tourismus, Denkmalschutz... Sicher fänden sich noch weitere Möglichkeiten und damit auch Chancen, jedem jungen Menschen eine sinnvolle Aufgabe in einem Bereich unserer Gesellschaft zu ermöglichen, die seine Fähigkeiten und Begabungen fördert und vielleicht sogar neue entdeckt. Pflicht müsste so ein Dienst schon sein, denn freiwillig würden sich mit den verschiedensten Begründungen viele verweigern und das wäre einfach unfair. Natürlich muss dieses Dienstjahr angemessen gewürdigt werden, finanziell und mit Anrechnung auf die Rente, denn der Nutzen für unsere Gesellschaft wäre hoch und die Erfahrungen, die junge Menschen in so einem Jahr machen, sind nicht zu unterschätzen. Sicher löst so eine allgemeine Dienstpflicht nicht alle Probleme, aber sie wäre ein wichtiger Beitrag auf dem Weg zu mehr Miteinander in unserer Gesellschaft. Wir Menschen sind immer aufeinander angewiesen, auch wenn wir das in Zeiten eigener Stärke leicht vergessen.

"Wort zum Sonntag", von André Rausendorf, Pfarrer der Kirchgemeinde Am Großen Stein Seifhennersdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 11./12. August 2018.


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