Netz und Segen

Vor einiger Zeit sagte ich halb im Scherz zu meiner Frau, die ebenfalls Pfarrerin ist: Wir sind die einzigen, die nicht von irgendeinem Roboter zu ersetzen sind. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher. Zu dieser Überlegung hat mich nicht nur ein Roboter gebracht, der zum Segnen fleißig die Hände hob. Nein, ich denke mir: Was, wenn Menschen, die Rat suchen, einfach ein perfekt auf sie abgestimmtes Programm zur Hand haben, das sie besser kennt als sie sich selber? Und das dann ein viel besserer Ratgeber, Prediger und Seelsorger ist als der menschliche Counterpart? FriendlyPriest24.de. Möglich wär's. Und wäre das dann schlecht? Auf jeden Fall wird immer mehr deutlich, wie sehr die neue technische Revolution alle Bereiche des Lebens umfasst. Viele Vorzüge liegen auf der Hand, viele Nachteile auch. Leicht kippt man dabei auf die eine oder andere Seite. Preise ich die digitale Revolution als beste aller Welten, dann nehme ich allzu leicht die Schattenseiten in Kauf. Berichte aus China beunruhigen mich, die alle Bereiche des privaten Lebens in einem Ranking erfassen, welches Einfluss auf Status und Wohlstand hat. Auf der anderen Seite nimmt man schnell die Rolle des Nörglers ein, der versucht, mit Tinte und Federkiel gegen die Schreibmaschine zu Felde zu ziehen. Wenn Sie in der Kirche was zu sagen hätten, wie würden sie entscheiden. Wäre es gut, wenn die Kirche noch stärker im Netz präsent ist? Würden Sie eine Alexa im Talar um Rat fragen?
Oder sollte Kirche ein Ort der direkten Begegnung von Mensch zu Mensch sein und bleiben? Oder beides? Wie auch immer die Entscheidung ausfällt: Der Segen Gottes sollte eine wichtige ethische Richtschnur sein. Der Segen wird den Menschen direkt von Gott zugesprochen. Wir sollen ihn weitergeben, von Mensch zu Mensch. Ganz grundsätzlich hat er den Charme des Analogen. Er muss genauso im Besitz des Menschen bleiben wie der einzelne Mensch seine Souveränität gegenüber der Technik behalten muss. Das gehört zur Freiheit, die Gott den Menschen gegeben hat.  Segen heißt auf lateinisch „benedicere“. Man kann es mit „gut über jemanden reden“ übersetzen. Bei all den zum Teil unerträglichen Hasskommentaren, die das Netz überschwemmen, ist das ein wichtiger Grundsatz. Gott gibt eine eigene Political Correctness vor, die die Würde des Anderen achtet. Zu dieser Würde gehört auch ein Recht auf Privatssphäre. Denn nur Gott, der alle Herzen der Menschen kennt, kann auch verantwortlich mit dieser großen Datenmenge umgehen. 

"Wort zum Sonntag", von Benjamin Hecker, Pfarrer der Kirchgemeinde Ebersbach,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 18. August 2018


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