Die Unwucht des Lebens

Manchmal gerät unser Leben aus den Fugen, wir wissen nicht, wie uns geschieht und unser weiterer Weg scheint nicht mehr begehbar zu sein. Der plötzliche Tod eines lieben Menschen, ein Unfall, eine furchtbare Diagnose, Feindseligkeit und Unrecht - diese Erfahrungen können uns völlig aus dem Gleichgewicht bringen. Und quälende Fragen nach deren Sinn und wieso mir das passiert, lassen uns hadern, zweifeln und gar verzweifeln.
„Mein Leben ist in eine Art Unwucht geraten - es läuft einfach nichts mehr rund“, sagte mir mal jemand, dessen Leben von Schicksalsschlägen gezeichnet war. Wo finde ich Kraft, Trost und wieder Frieden in solchen Zeiten? Im Monatsspruch für Oktober steht im Psalm 38.10: Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. Es mag für manche befremdlich klingen, wenn wir Christen an einen Gott glauben, der Halt, Trost und Zuversicht geben kann. Lässt er die zurück, die damit nichts anfangen können? Gott ist mehr, als das er sich nur auf Gläubige reduzieren ließe. Er weiß von unseren Sehnsüchten, unserer Unruhe, unseren Wunden und unserer Suche nach Heilung und schenkt Kräfte, die wir nicht erahnen. Das ist das Schöne an Gott dass wir davon ausgehen dürfen, dass er beides kennt. Unsere Sehnsucht und unsere Traurigkeit,  wenn sich die Sehnsucht nicht erfüllt. Gott kennt uns und will uns helfen, unser Leben immer wieder neu zu beginnen. Das kann Zuversicht geben in schweren Zeiten und uns wieder empfänglich machen für Neues und Schönes. Menschen haben gerade in ihren schwersten Lebenskrisen die schönsten Gedichte geschrieben, berührende Bilder gemalt oder ergreifende Musik komponiert. Andere haben in der Natur ein neues Gleichgewicht gefunden. Besonders tröstlich kann es sein, wenn Gott mir durch Mitmenschen begegnet, die in traurigen Lebensphasen an meiner Seite sind und meine Trauer und auch meine Wut aushalten.
Und vielleicht kann ich so nach sprachlosen Zeiten wieder Worte und Wege finden für das Geheimnis „Leben“, mit all seinen Fragen, Wundern, seinem Suchen und Finden und auch seiner Unwucht …

"Wort zum Sonntag", von Tobias Richter, Bezirkskatechet im Ev. Luth. Kirchenbezirk Löbau-Zittau,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 22. September 2018


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