Hauptsache gesund…

dachten sich die vier Freunde, als sie ihren gelähmten Freund zu Jesus brachten. Als sie nicht durch die Tür kamen, weil ihnen niemand Platz machte, habe sie kurzerhand das Dach des Hauses abgedeckt und ihren Freund zu Boden gelassen. – Toll, wer solche Freunde hat! Voller Spannung – so stelle ich es mir vor – warten sie darauf, was Jesus tun wird. Er tritt an den Gelähmten heran, schaut ihn an und sagt: „Mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben.“ Damit hat keiner gerechnet. „Was soll das?“ „Was macht der da?“ „Darf der das überhaupt?“ Und auch der Gelähmte schweigt. Was soll er auch sagen? – Jesus spürt die Fragen in den Gesichtern und im Getuschel der Anwesenden. Als Antwort stellt er ihnen eine Frage: „Was ist einfacher? Zu sagen: „Dir sind deine Sünden vergeben?“ Oder zu sagen: „Steh auf, nimm dein Bett und geh heim?“. Wenig später steht der Gelähmte tatsächlich auf, nimmt seine Trage, auf der er gelegen hat, und geht als Gehender nach Hause. Die Menschen staunen und sagen: „So etwas haben wir noch nicht gesehen.“ Die ganze Geschichte können Sie in der Bibel nachlesen. Sie steht im Markusevangelium, Kapitel 2, die Verse 1-12.
Mir geht die Frage von Jesus weiter nach: „Was ist einfacher? Zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben oder: Steh auf, nimm dein Bett und geh heim?“ Ich denke daran, welche großartigen Dinge die Medizin heute vollbringt. Bei meiner jüngsten Tochter durfte ich das vor Jahren selbst erleben und bin noch heute berührt und zu Tränen gerührt, wenn es zur Sprache kommt.
In meiner Arbeit als Seelsorger begegnen mir Lebensgeschichten, wo nicht vergebene Schuld das Leben von Menschen über Jahre belastet und als leidvoll erfahren wird. In solchen Augenblicken wird mir deutlich, dass es nicht ausreicht, nur körperlich gesund zu sein, sondern dass es wichtig ist, auch auf meine seelische Gesundheit zu achten. Eigene Verfehlungen zu bekennen und vom Gegenüber und von Gott die Vergebung zugesprochen zu bekommen – die Kirche verwendet dafür den Begriff der Beichte -, hat bis heute befreiende und heilende Kraft. Auch hier habe ich Gesichter von Menschen vor Augen, eines davon bin ich selbst.
Gesundsein-Können ist wunderschön und ein tolles Lebensgefühl, vor allem nach überstandener Krankheit. - Sich etwas von der Seele zu reden und dabei die Befreiung zu erfahren, die im „Aussprechen des Dunklen“  und im Trost des Zuspruchs der Vergebung liegt, braucht es ebenso für ein erfülltes und befreites Leben.  

„Hauptsache gesund!“, das ist viel, aber nicht alles.

"Wort zum Sonntag", von Peter Pertzsch, Pfarrer im Fachkrankenhaus Großschweidnitz,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 13. Oktober 2018


Ev.-Luth. Kirchenbezirk Löbau-Zittau • Friedhofstraße 3 • 02708 Löbau
Telefon 03585 415771 • Fax 03585 415773 • eMail suptur.loebau_zittau@evlks.de
Sprechzeiten: Montag - Freitag 8:00 bis 14:00 Uhr