Stolz auf Deutschland

Überall diese Fahnen. In den Vorgärten. An den Häusern. Auf T-Shirts. Sogar auf den Friedhöfen. Innerlich habe ich meine auch gehisst. Immer mal wieder. Eine echte hatte ich leider nicht dabei – während des Besuchs bei unserer Partnerkirche in den USA, im Bundesstaat Pennsylvanien. Das war unmittelbar nach unserem Einheitsfeiertag. Ja, die Amerikaner haben es reichlich mit dem Nationalstolz.
Und niemand empfindet es als merkwürdig, selbst auf Gräber eine Fahne mit den „Stars and Stripes“ zu stecken. Stolz, Amerikaner zu sein - in den Schulen wird jeden Morgen die Hymne gesungen; vor jedem Football-Spiel wird sie von besonders ausgewählten Interpreten gesungen. Eine große Ehre.
Ich habe mich rasch an diese Ausdrucksformen von Nationalstolz gewöhnt. Und dann meine Fahne auch immer mal gehisst. Also die deutsche. In Gedanken jedenfalls. Oder im Gespräch. Z.B. wenn wir mal wieder unser Mittag von Papptellern gegessen hatten und danach alle Flaschen und Dosen, Kaffeebecher, Plastebesteck und Essensreste zusammen in einer großen Mülltüte landeten. Oder als ich nach mehr als einer Woche erstmals irgendwo ein kleines verlorenes Windrad entdeckte. Meine Flagge wehte stolz über unserer etwas spießigen deutschen Mülltrennung und über unseren 30 % Stromanteil aus erneuerbaren Energien. Und meine Flagge habe ich wieder gehisst, als meine weißen Gastgeber mir von der Angst ihrer farbigen Pflegekinder vor wiederum weißen gewalttätigen Polizisten erzählten, und von dem tief verwurzelten amerikanischen Alltagsrassismus oder der Waffen-Narrheit der US-Amerikaner. Und wieder, als im Fernsehen eine Rede von Donald Trump lief, in der zum Xten mal ein rücksichtsloser nationaler Egoismus zum ganz selbstverständlichen Mittel der Politik erklärt wurde.
Ziemlich stolz auf unser Deutschland, auf unsere Gesellschaft, bin ich vor zwei Tagen gern zurückgekommen. Stolz auf unsere Polizei, die nicht automatisch Ängste auslöst. Stolz auf unseren großen, ehrlichen Mut, zur eigenen (auch der unrühmlichen!) Geschichte zu stehen. Stolz auf unsere Zurückhaltung, unsere Fahne gleich immer und überall wehen zu lassen. Der Journalist Bernd Ullrich schrieb darüber: „Wir sind stolz darauf, nicht stolz zu sein, darauf muss man erstmal kommen.“ Ja, da bin ich in Vielem wirklich stolz auf unser Land. Und werde meine Fahne öfter mal hissen. Nicht nur innerlich oder beim Fußball.

"Wort zum Sonntag", von Thomas Markert, Pfarrer in der Kirchgemeinde Kemnitz,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 20. Oktober 2018


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