Erreiche ich mein Glück?

Diese materielle Welt ist die einzige Realität und es ist ein reiner Zufall, dass ich lebe. Ich werde nach meinem Tod nicht mehr existieren. Es kommt also darauf an, in dem bisschen Leben, das mir zur Verfügung steht, jung oder alt, glücklich zu werden, oder?! Mit dieser Überzeugung werde ich jedenfalls nicht auffallen. Gesellschaftlich komme ich ganz gut zu Recht. Es ist auch die alltäglichste Lebenseinstellung, die mir begegnet. Nur die Frage bleibt noch übrig, wie ich mein Glück erreiche. Ich brauche Gesundheit, Arbeit mit Erfolg, Status mit Anerkennung, Geld, Spaß, Genuss, Schönheit, Jugendlichkeit, ab und zu Mitleid und Selbstmitleid, Liebe, Sex und was noch? Ach ja, was viel wichtigeres: Familie, Freunde und Sport! Habe ich etwas vergessen? Mal steht im Mittelpunkt die Familie, mal meine Arbeit und andere sinnvolle gutmütige Aktivitäten, mal etwas anderes, was ich brauche.

Wer würde dieses Lebensmotto unterschreiben? Ich als Pfarrer darf und will nicht, obwohl mir es persönlich vertraut ist. Die meisten Gespräche drehen sich um diese Lebenssäulen, und trotzdem würden wir kaum jemanden finden, der diese Einstellung zu seinem Glaubensbekenntnis erklären und an die große Glocke hängen würde. Es gibt noch mehr, aber wie sollen wir es benennen?

Im Nachbarland Tschechien leben zu 16% Christen, zu 70% Andersgläubige und nur zu 14% Atheisten. Was kann man sich unter den 70 Prozent vorstellen? Andere Religionen spielen dort nur eine ganz kleine Rolle, so wie in Sachsen. Die meisten Leute bekennen sich auf der Straße zu einem Geist des Lebens oder zu einer Lebenskraft (Lebensenergie), sie verbinden diese manchmal wissenschaftlich mit einem Prinzip im All, oder sie sagen einfach, das sie an etwas glauben. Die Sehnsucht nach einem unsichtbaren Geist, nach einem Geheimnis, nach einem Überschreitenden ist offensichtlich da und kaum jemand hält sich für einen reinen Materialisten. In Sachsen würde die Straßenstatistik anders ausfallen, aber ich vermute, dass auch hier die meisten bekennen würde, dass sie an etwas glauben.

Wenn es einerseits stimmt, dass wir nicht nur an die oben erwähnten Lebenssäulen (Geld, Familie, Arbeit, Genuss...) glauben und wenn die meisten Leute an etwas überschreitendes und geistiges glauben, dann frage ich mich, warum die Alltagsgespräche so anders aussehen? Warum scheint die materialistische Grundüberzeugung - wie ganz oben erwähnt – doch eine Oberhand zu gewinnen? Privatsache - sagen viele. Aber dann sage ich als Pfarrer: Nur Mut zum Glauben! Nur Mut zur Suche nach dem Heiligen Geist!

"Wort zum Sonntag", von Adam Balcar, Pfarrer der Kirchgemeinde Oderwitz-Mittelherwigsdorf und Krankenhausseelsorger,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 10. November 2018


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