Na(h) warte!

Da stand er vor mir. Ein Mann, so Ende Dreißig, mitten im Einkaufszentrum. Auf seinem T-Shirt in großen Buchstaben die Botschaft: „lch bin vielseitig desinteressiert!“ Dazu kein verschlossener, aber auch kein offener Gesichtsausdruck. Ich bleibe einen Moment stehen. Wie und warum ist man vielseitig desinteressiert? Wer so eine Aussage vor sich her trägt, stimmt mit dem vielleicht etwas nicht?

Dann wende ich mich wieder den vielseitigen Angeboten im Einkaufsmarkt zu und vergesse den Satz. Bis mir dieser Tage ein anderer Satz begegnete, der ein neues Licht auf das Desinteresse wirft: „Wir informieren uns zu Tode.“ (Neil Postman) Die These Postmans lautet, dass wir in der heutigen Zeit einer solchen Fülle von Informationen ausgesetzt sind, ja regelrecht davon überschwemmt werden, dass wir gar nicht mehr wissen, was wir eigentlich damit anfangen sollen. Das Desinteresse wäre dann also der Versuch, sich dieser Informationsflut zu entziehen. Ob das funktioniert? Ich fühle mich an die russische Zeichentrickserie von Hase und Wolf erinnert. „Nu pogodi“/“Na warte!“ ruft da drohend der Wolf. Er erwischt den Hasen zwar nie ganz, aber hier reicht schon das „Na warte!“. Und das gilt auch von der Welle der Informationen, die hinter uns her rollt: Na warte!

Gibt es nun einen anderen Weg mit dem umzugehen, was auf mich einstürmt? Am heutigen 2. Februar, zu Maria Lichtmess, da steht neben Maria und Jesus ein Mann im Mittelpunkt, der eine andere Strategie mitbringt: „Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels.“ Auf den meisten Abbildungen wird er als alter Mann dargestellt, der schon sehr lange wartet. Über diesem Bild liegt für mich etwas Anrührendes. Was mögen seine alten Augen alles schon mit angesehen haben? Und trotzdem ist er darüber nicht bitter geworden. Woran mag das liegen? Ich denke, seine Blickrichtung ist entscheidend. Er nimmt zwar auch die schlechten Tagesnachrichten wahr - die es damals ebenso gab wie heute - aber ausgerichtet ist er auf die Erwartung, dass bald etwas Gutes von Gott her geschehen wird. Und das stellt seine ganze Wahrnehmung unter ein anderes Vorzeichen; das bringt auch die Informationen, die auf uns einstürmen, in eine neue Ordnung. Aus der Angst, was da kommen mag, wird die Erwartung und der Blick dafür, wo etwas von Gottes Nähe aufleuchtet.

So gesehen wird aus dem „Na warte!“ im Blick auf Gott ein „Nah, warte!“. Möge uns dieser Blickwechsel einmal mehr gelingen.

"Wort zum Sonntag", von Gerd Krumbiegel, Pfarrer in Großschönau,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 2./3. Februar 2019.