Mensch ärgere dich nicht

Von Jesus wird erzählt, er sei mit seinen Schülern in Seenot geraten. Trotz der bedrohlichen Lage habe Jesus die Todesangst seiner Schüler verschlafen. Ob er so abgebrüht war wie ein Männlein des Spiels „Mensch ärgere nicht“? Mir scheint, Jesus hatte eine ähnliche innere Haltung: Wer geschmissen wird, geht einfach nach Hause und wartet auf die nächste gewürfelte Sechs. Ein bedrohlicher Seesturm? Kein Grund zur Aufregung.

Natürlich kannte Jesus noch nicht das berühmte Kinderspiel. Ein Spiel gegen die Angst ist es jedoch von Anfang an gewesen. Die ersten, die „Mensch ärgere dich nicht“ vor über hundert Jahren spielten, sind durch die Leichtigkeit des Spiels entlastet worden: In die Kriegslazarette des Ersten Weltkrieges hatte der Erfinder zahlreiche solcher Spiele liefern lassen. Dort, so wird berichtet, hätten die Soldaten schon um 7 Uhr morgens zu spielen begonnen. Die körperlichen und seelischen Schmerzen gerieten offenbar während des Spiels wenigstens teilweise in Vergessenheit. Denen, die den Schützengräben entkommen waren, muss es wie eine Befreiung vorgekommen sein: Endlich konnten sie wieder einen Überblick gewinnen und neue Sicherheit spüren.

„Mensch ärgere dich nicht“ ist zwar manchmal ärgerlich, aber im Grunde immer noch ein Gegenbild zum Tod: Selbst wer kurz vor dem Ziel hinausgeworfen wird, kann wieder auf das Spielfeld zurückkehren. Darin besteht der Punkt: Das Ende des Todes ist das Herzstück jeder Hoffnung. Für Christen damals und heute verkörpert Jesus das Ende des Todes und damit den Grund ihrer Hoffnung. Ach ja: Wie die Geschichte vom Seesturm endet, hören Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit, falls Sie sich am kommenden Sonntag für einen Gottesdienstbesuch entscheiden...

"Wort zum Sonntag", von Stephan Rehm, Vikar in der Kirchgemeinde Eibau,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 9./10. Februar 2019