Gibt es einen Gott?

Ehrlich gesagt, wenn ich meine Fachschüler über diese Frage diskutieren und Pro-. und Contra- Argumente sammeln lasse, kommt jedes Mal ein klares Übergewicht des Nein heraus. Vielleicht sollte ich die Frage an sich lieber vermeiden, um die wenigen Indizien, die für Gott sprechen, nicht so kläglich aussehen zu lassen.

Beweisen kann man Gott jedenfalls nicht; das haben schon die großen Philosophen herausgefunden. lm Verlauf der Diskussion stellt sich dann heraus, dass die jungen Erwachsenen doch an etwas Übersinnliches glauben: An Seelenwanderung zum Beispiel. Einfach, weil es tröstlich für sie ist. Die Sehnsucht nach einer verborgenen Wirklichkeit, díe über das Sichtbare und Greifbare hinausgeht, ist bei vielen Menschen vorhanden.

Offenbar sollte ich die Frage endlich mal anders stellen, positiver: Wo kann sich Gott begegnen? Oder, falls mir mein Bild von Gott dabei im Wege ist: Wo finde ich Spuren einer höheren Welt in dieser Welt? Ja: Wo finden Sie Spuren einer höheren Welt in dieser Welt? Manche würden vielleicht sagen: In der Natur, die Gott so wunderbar geschaffen hat. Oder: an heiligen Orten, an denen ich die Gegenwart Gottes spüre. Oder: Ich habe ein Wunder erlebt, als ich gerettet wurde …

Ich begegne dem Heiligen manchmal in Menschen, die sich durch ihren Glauben haben verändern lassen. Die geduldig und barmherzig geworden sind und Güte ausstrahlen. Oder in Menschen, die sich für andere einsetzen und ein Stück vom zukünftigen Reich Gottes schon in dieser Welt sichtbar machen.

Wie es im Gesang aus Taizè heißt: Ubi caritas et amor, deus ibi est. - „Wo die Liebe ist und Güte - da ist unser Gott.“

"Wort zum Sonntag", von Barbara Herbig, Pfarrerin der Kirchgemeinde Olbersdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 2./3. März 2019.