Wahlgedanken

Sie haben gewählt, vermutlich. Die Wahlbeteiligung war jedenfalls deutlich besser als bei vergangenen Gelegenheiten. Trotzdem schade, dass sich immer noch viele nicht beteiligen. Es gab Zeiten, da sind Menschen für freie Wahlen auf die Straße gegangen. Sich zu verweigern oder aus allem herauszuhalten, das funktioniert nicht. Auch die Nichtwähler müssen mit den Folgen der Politik leben, da ist es doch klüger, wenigstens das aus der eigenen Sicht geringste Übel zu wählen.
Andererseits hilft es aber den Gewählten, wenn sie wissen, wie viele Menschen aus ihrer Region hinter ihnen stehen. Gewählt sind ja nicht nur die paar ganz oben, sondern die vielen, die in Kommunal- oder Kreisparlamenten mit viel persönlichem Einsatz Lokalpolitik betreiben und dabei leider viel zu oft und zu Unrecht für die Bundespolitik abgestraft werden. Über die aktuellen Ergebnisse werden sich viele freuen, andere sind erschrocken oder traurig. Wichtig ist, was nun draus gemacht wird, im fernen Brüssel, aber vor allem in unserer Region.
Wahlreden zu halten und Plakate zu drucken sind das eine, verantwortliche Politik zu betreiben ist das andere, aber oft nicht dasselbe. In Wahlzeiten wird dem Wahlvolk gern nach dem Mund geredet oder ihm Angst gemacht, das ist nichts Neues. Es funktioniert aber immer wieder, auf allen politischen Ebenen.
Jetzt, nach der Wahl, zeigt sich, was die Wahlversprechen und die markigen Sprüche wirklich wert sind. Wir werden es gewiss zur Kenntnis nehmen.
Was ich mir nun wünsche, ist eine Rückkehr zu einem vernünftigen und menschlichen Umgang über Parteigrenzen hinweg, damit im Interesse aller gute Sacharbeit möglich wird. jede Partei besteht aus Menschen. die sich aufgrund ihrer persönlichen Lebenserfahrung und mit ihren Grundüberzeugungen dafür entschieden haben, Politik zu machen. Es müsste für sie alle zum selbstverständlichen guten Ton in einem zivilisierten Land wie unserem gehören, sich sachlich um Sachfragen zu kümmern.
Eine andere Meinung oder eine andere Überzeugung gibt niemandem das Recht, Menschen zu diffamieren oder zu benachteiligen. Man muss kein Christ sein, um diesen angemessenen Umgang zu erwarten. Aber ich erwarte von den Christen, die in den verschiedenen Parteien Verantwortung übernommen haben, dass sie ihr Parteibuch nicht über ihren Glauben und ihre christliche Ethik stellen.

"Wort zum Sonntag", von André Rausendorf, Pfarrer der Kirchgemeinde Am Großen Stein Seifhennersdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 1./2. Juni 2019.