Hörst Du nicht die Glocken?

„Bruder Jakob, schläfst du noch, hörst du nicht die Glocken?“ – und dann werden die Glocken in dem bekannten Kanon mit der menschlichen Stimme nachempfunden: Ding, dang, dong. So wie dieses Lied gehört das Läuten der Kirchenglocken bei uns zum Kulturgut: Nicht zuallererst als Zeitangabe (wenn denn der Stundenschlag an Ihrem Ort üblich ist), nein, sondern als Ruf.
Wer ruft dabei wen und wozu? Christen sind der Ansicht, dass Gott höchstpersönlich allen Menschen zuruft und auf Antwort hofft. Im engeren Sinn laden die Glocken zunächst alle Gläubigen ein, sich im örtlichen Gottesdienst zu versammeln. Den allgemeineren Sinn finde ich aber spannender: Gott macht sich vielfältig bemerkbar. Jeder Atemzug erinnert mich daran, mein Leben ist ein Geschenk von ihm; die Mahlzeit auf dem Tisch erinnert an seine Fürsorge; zudem erkenne ich in manchen Worten von Mitmenschen vergangener und gegenwärtiger Zeiten Rufe Gottes – wie für mich gesagt oder geschrieben. Meinen Sie nicht?
Vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die sich damit schwer tun, an Gott wie an eine Person zu glauben. Dabei empfinde ich es als ein Zugeständnis, dass Gott so zu uns Menschen Kontakt aufnimmt, dass wir es auch wahrnehmen können: Durch menschliche Worte, durch hörbare Klänge wie bei den Glocken. Ich rechne damit, dass Gott auch ganz anders könnte, er aber bahnt sich immer wieder einen Weg zu meiner Wahrnehmung. Von mir aus hätte ich es in umgekehrter Richtung sehr viel schwerer.
Deswegen freue ich mich, auf die Glocken hinweisen zu können: „Hörst Du nicht, wie Gott uns ruft?“ Ich bin mir sicher: Er ruft aus Sehnsucht und aus Liebe. Und ich wünsche allen, dass sie diese Stimme persönlich wahrnehmen und um eine sehr grundsätzliche Beziehung bereichert werden.

"Wort zum Sonntag", von Stephan Rehm, Pfarrer im Schwesterkirchgemeindeverhältnis Ebersbach mit den Seelsorgebezirken Eibau, Walddorf, Neueibau und Dürrhennersdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 6./7. Juli 2019.