Barmherzigkeit

Mein Blick fällt auf das „Lexikon der bedrohten Wörter“. Ich blättere darin. Worte wie „Fisimatenten“ und „Kaltmamsell“ bringen mich zum Schmunzeln. Wann habe ich zuletzt von „piesacken“ gesprochen? Auch der „Dauerlauf“ ist out. Heute wird gejoggt, gewalkt. Aber vom Wort her wissen wir, was gemeint ist. Bei „Bandsalat“ fühle ich mich an meine Jugend erinnert. Den kennen alle, die Kassetten gehört haben. Lang ist's her. 
Ein noch älteres Wort ist „Barmherzigkeit“. Das hat Jesus verwendet. Oft. So zum Beispiel in seiner Bergpredigt. „Selig sind die Barmherzigen...“ In Gemeinden wird das Wort oft gesagt oder gesungen. In den Gottesdiensten oder in Bibelkreisen.
Mich lässt dieses Wort nicht los. Und ich möchte nicht, dass es zu den „bedrohten“ oder vergessenen Wörtern zählt. Dazu ist es mir viel zu wichtig! Es darf nicht unter den Tisch oder aus unserem Wortschatz fallen!
Doch was fangen wir damit an? Mit „barmherzig“? Gern verwende ich den Begriff „warmherzig“ dafür. Damit wird schon die Tendenz des Wortes klar. Da ist jemand, der sein Herz für andere Menschen erwärmen kann. Da setzt sich jemand ein - für eine andere, für einen anderen. Und das einfach, weil da ein weites Herz ist, statt Engstirnigkeit. Diese „Warmherzigkeit“ hat mir selbst vieles ermöglicht. Ich konnte wagen, meine Gedanken laut zu formulieren und lernte, mit ihnen niemanden zu verletzen. Da gab es Frauen und Männer, die mir zuhörten, mich ernst nahmen. Auf Augenhöhe, obwohl sie damals viel älter waren als ich.
Denen erlaubte ich dann auch, meine Gedanken an verschiedene Stellen zu lenken. Dabei war Gott im Gespräch. ER, den Jesus als barmherzigen nahen Gott bekannt macht.
Und wenn ich mir vorstelle, dass Gott uns alle barmherzig anschaut, mit seinem weiten Herzen, dann werde ich dankbar. Dann wird mir warm ums Herz.

"Wort zum Sonntag", von Dorothee Markert, Pfarrerin in der Kirchgemeinde Sohland am Rotstein,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 14./15. September 2019.