Gratis geliebt

Stellen Sie sich vor, Sie erledigen Ihren Wocheneinkauf im Supermarkt. Sie fahren Ihren vollgeladenen Einkaufswagen zur Kasse und legen die Waren aufs Band.
Die Kassiererin scannt die Waren und Sie blicken auf das Kassendisplay. Es zeigt 0 Euro. Ungläubig fragen Sie nach. Die Kassiererin antwortet Ihnen, dass das schon seine Richtigkeit hat. Der Supermarkt hat beschlossen, dass es die Waren ab sofort gratis gibt, ohne Gegenleistung. Sie lächelt Sie an und wünscht Ihnen einen schönen Tag.
Ich wäre wohl genauso verwundert wie Sie, wenn ich das erleben würde und wahrscheinlich ist das von mir eben geschilderte Beispiel auch unrealistisch, aber genau um eine solche Erfahrung geht es am Reformationstag, den wir am kommenden Donnerstag feiern.
Am Reformationstag, dem 31. Oktober feiern wir genau das, dass es etwas gratis gibt, nämlich die Liebe und Annahme Gottes. Zu Luthers Zeiten glaubten viele Menschen, sich genau diese verdienen zu müssen. Sie meinten, diese durch Pilgerfahrten oder eine buchstabengetreue Erfüllung von Geboten zu bekommen. Martin Luther wurde immer verzweifelter, weil er sich nie sicher war, ob er gut genug sei, damit Gott ihn mochte. Jedes Mal, wenn er einen Fehler bei sich entdeckte, hatte er Angst vor dem Gericht und Gottes Zorn. Bis er eines Tages in der Bibel las und entdeckte, dass es Gott gar nicht darauf ankommt, was wir für ihn tun. Sondern allein auf das Vertrauen auf seine Güte und Gnade.
Gott nimmt uns an, so wie wir sind. Wir können, ja, wir müssen dafür nichts bezahlen und wir können uns seine Liebe nicht erarbeiten. Wenn wir Fehler machen, liebt er uns trotzdem, dafür hat er sogar Christus ans Kreuz gehen lassen. Aus dem Bewusstsein, von Gott bedingungslos geliebt zu sein, erwächst dann durchaus die Liebe zum Nächsten, aber auf die Reihenfolge kommt es an. Nächstenliebe ist keine Bedingung für Gottes Liebe uns gegenüber.
In einer Welt der Leistung, wo man oft nur etwas wert ist, wenn man arbeitet und schafft, in der man auch bei manchen Menschen nur angenommen ist, wenn man etwas tut, gibt es die Liebe Gottes für uns ganz umsonst. Er nimmt uns an, wie wir sind mit all unseren Fehlern. Wenn das mal keine frohe Botschaft ist.
Ich wünsche Ihnen einen frohen und gesegneten Reformationstag.

"Wort zum Sonntag", von Markus Preiser, Vikar im Zittauer Gebirge,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 26. Oktober 2019.