Ge(h)denken

Jack wohnt in den Niederlanden. Als er drei Jahre alt ist, muss er sein Zuhause verlassen. Jack ist Jude. Im Durcheinander der Flucht wird er wenig später von seinen Eltern getrennt. Er wohnt bei einer fremden Familie, hat nur einen Stuhl und ein Bett für sich. Er weint sich in den Schlaf - jede Nacht.
Zwei Tage vor seinem achten Geburtstag bringt ihn eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation in eine alte Schulturnhalle. Zwanzig Stühle stehen in einer Reihe. Auf jedem sitzt eine Frau. Jack erkennt seine Mutter sofort. Er darf nicht zu ihr, Stuhl für Stuhl muss er ablaufen. Dann endlich: Stuhl Nr. 17. Nach über vier Jahren schließen sich Jack und seine Mutter wieder in die Arme.
Jack hatte Glück. Durch die Hilfe von Freunden und fremden Menschen überlebten er und seine Familie den Holocaust.

In der Bibel (Ps 12,6) sagt König David: "Weil die Elenden Gewalt leiden und die Armen seufzen, will ich jetzt aufstehen, spricht der HERR, ich will Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt."
David verlässt sich auf die Hilfe Gottes. Denn er hat selbst erfahren: Wenn Menschen aus der Heimat flüchten müssen, wenn das Reden den Frieden im Land nicht fördert, wenn Menschen anderen Menschen Leid antun, dann braucht es andere Menschen, die sich stark machen für Demokratie und Menschenwürde. Und auch Gott macht sich stark, damit wir barmherzig miteinander umgehen und Frieden halten.

Ich habe Jack vor drei Jahren während meines Friedensdienstes mit „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ in Amsterdam getroffen. Mich hat beeindruckt, dass er immer auf Gott vertraut hat. Er war sich sicher, dass Gott ihm hilft.
Heute ist Jack 82 Jahre alt. Er erzählt seine Geschichte weiter. Und er verlässt sich auf uns: Dass auch wir weitererzählen von Gottes Hilfe in der Not und von der Verantwortung, die wir alle für unsere Gesellschaft und füreinander haben.

Der 9. November ist der Gedenktag an die Novemberpogrome. In vielen Kirchen werden Gottesdienste gefeiert. Der Tag ist Erinnern an die Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden und gestorben sind. Der Tag ist Mahnung, dass wir zum Frieden gerufen sind.

"Wort zum Sonntag", von Charlotte Pech, Studentin, Mitglied der Regionalgruppe „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ Dresden,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 9./10. November 2019.