Vor Gericht und auf hoher See …

Vor Gericht und auf hoher See ist man allein in Gottes Hand. Kaum noch etwas ist selbst zu regeln, vielleicht kann man hier und da noch etwas tun, ansonsten ist man ausgeliefert - dem Meer, dem Gericht.
Wenn es gut geht, ist das Meer ruhig. Dann macht eine Seefahrt Freude, ein Gerichtsprozess wahrscheinlich weniger, aber immerhin ist einem nach Abschluss desselben nicht völlig unwohl. Wenngleich unangenehm, kann es schon sein, wenn etwas herauskommt, was eigentlich niemand wissen soll - oder umgekehrt - wenn ich Gerechtigkeit erwarte, aber es stellt sich keine Klarheit ein, weil alles zu verworren ist.
Der Spruch für kommende Woche steht im 2. Brief an die Gemeinde in Korinth: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“. Wie unangenehm ist denn das? - oder - Wie beruhigend ist das? Gibt es vor diesem Gericht kein Entrinnen? Wird es dort gerecht zugehen? Vor diesem Richterstuhl wird alles offenbar werden. Und es wird Recht gesprochen. Am Ende folgt aber die Gerechtigkeit - das ist eine ganz andere Kategorie, als wir es vielleicht in unserer menschlichen Rechtsprechung erwarten. Da geht keiner mit einem Gefühl des Unwohlseins davon. Dieser Richter schafft Gerechtigkeit, indem er Gnade vor Recht ergehen lässt. Wenn Gnade vor Recht ergeht, wird Leben möglich, gibt es neue Chancen. Vergebung, ohne die Schuld wegzuwischen, ermöglicht ein neues Miteinander. Das gilt vor Gott, und für uns Menschen. Vielleicht können wir das, was wir von dem Richterstuhl Christi erwarten, auch schon im Alltag ausprobieren. Schwieriges aussprechen, einander zuhören, vergeben und miteinander Frieden wagen – und das in der ganzen Vielfalt von Meinungen und Lebensentwürfen. Dann wird unser Leben wie eine Seefahrt sein - nicht immer ganz ruhig - aber eine gute Erfahrung und eine große Horizonterweiterung.

"Wort zum Sonntag", von  Christian Kühne, Kirchenmusikdirektor des Kirchenbezirkes Löbau-Zittau,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 16. November 2019.