Advent, Advent, ein Türchen klemmt…

Haben Sie schon einen Adventskalender gefunden, oder tue nur ich mich so schwer? Für unsere Kinder muss ja vor allem der Inhalt stimmen: Schokolade! Für uns Eltern ist der Bezug auf die Weihnachtsgeschichte wichtig. Tja, nun treiben Sie mal einen Adventskalender auf, wo zwischen Geschenken und Weihnacht­s­mann noch irgendwo eine Krippe zu finden ist, geschweige denn als Hauptmotiv! Da gibt es mehr als Kurioses: ein Kalender trägt den Untertitel „Schon wieder Weihnachten“, und die vier Buchstaben des Haupttitels geben einen englischen Kraftausdruck wider, der so gar nicht adventlich ist. Ich könnte aber auch einen liebevoll gestalteten Kalender nehmen, auf dessen Titelbild sich eine Katze mit dem Regenrinnenwichtel Giesbert unterhält. Oder doch lieber den mit dem Krokodil im Weihnachtsmannkostüm, das im Rentierschlitten am Stadion des VfB Stuttgart vorbeirauscht? (Zum Glück war´s nicht der Bahnhof!) Möglich wäre auch noch der DDR-Adventskalender mit einem Hauch (N)Ostalgie. Ob sich da hinter einem Türchen auch das Brandenburger Tor befindet? Und ob das dann geöffnet ist oder geschlossen, das wäre noch interessant zu wissen!
Ich muss meine Missbilligungstour durch das world-wide-web hier abbrechen bevor ich noch zu einem Marcel Reich-Ranicki der Adventskalenderbranche mutiere und beim nächsten Einkauf mit theatralischem „Ich nehme diesen Kalender nicht an!“-Ausruf den ganzen Aufsteller leer fege. 
Wie hat das überhaupt angefangen? Vor genau 180 Jahren hatte Johann Hinrich Wichern eine Idee: Für die Kinder in seinem Waisenhaus, die Weihnachten kaum erwarten konnten, brachte er auf einem hölzernen Wagenrad Kerzen an; für jeden Tag im Advent eine. Und als alle brannten, da war Weihnachten. – Wäre das nicht wieder was für heute? Kein Plastezeug, keine schrägen Bilder. Einfach jeden Tag eine Kerze anzünden, und ein paar wesentliche Gedanken fassen: Was ist mir wirklich wichtig in diesem Advent? Wo finde ich für mich ein Licht, das mir Hoffnung gibt und Kraft? Mag sein, dass es draußen weiter immer dunkler wird. Drinnen wird es so immer adventlicher, und mit jedem Tag auch etwas heller: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein.“

"Wort zum Sonntag", von Gerd Krumbiegel, Pfarrer in Großschönau,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 30. November/1. Dezember 2019.