Hohlkörper füllen!

Haben Sie gestern zum Nikolaustag auch einen Schokoladen-Hohlkörper geschenkt bekommen? Eingepackt in glänzendem Silberpapier, bedruckt als Weihnachtsmann oder wie der echte Bischof Nikolaus? Haben Sie das gute Stück schon vernascht? Dann hat der Hohlkörper seinen Zweck erfüllt.
Meine Gedanken hängen zurzeit an einem anderen Hohlkörper, der seinen Zweck nur zum Teil erfüllt. Es ist der Turm der Leutersdorfer Christuskirche. Wie jeder Kirchturm weist er, gleich einem Zeigefinger, Richtung Himmel, ein Hinweis auf Gott. Wir wissen heute, dass Gott nicht über den Wolken wohnt. Aber den Hinweis verstehen wir trotzdem: Vergiss deinen Gott nicht! Kirchtürme sind nicht nur Hinweis auf Gott, sie sind „gefüllt“ mit einem Geläut, meist sind es drei oder vier Glocken, manchmal weniger, gelegentlich viel mehr. Die Glocken laden sonntags ein zum Gottesdienst und erinnern uns in der Woche zu bestimmten Tageszeiten an das Gebet, an das Reden mit Gott.
Was das angeht, ist der Leutersdorfer Kirchturm leider ein richtiger Hohlkörper. Schon seit Herbst 2015 schweigen seine Glocken, sie sind ausgebaut, weil nicht mehr verwendbar. Erst im kommenden Jahr wird sich daran etwas ändern. Deshalb hängen meine Gedanken in diesen Tagen oft an diesem Turm. Wird es gelingen? Werden wir genügend Menschen finden, die dafür etwas geben? Bisher haben sich viele, Christen und Nichtchristen, an unserem Projekt beteiligt, sicher mit ganz unterschiedlicher Motivation. Das Ergebnis kann sich sehen lassen! Die Hülle sieht gut aus. Der Kirchturm ist wieder erkennbar. Aber der Inhalt fehlt noch. Unser Hohlkörper wird erst mit dem neuen Geläut zu einem richtigen Kirchturm. Meine Hoffnung ist, dass der Turm 2020 mit drei neuen Glocken gefüllt werden kann, eine alte wiederverwendbare Bronzeglocke wartet schon sehnsüchtig darauf.
Nächstes Jahr zum Nikolaustag laden die neuen Glocken Sie vielleicht schon zum Gottesdienst ein. Mir würde das gefallen! Dann wäre aus dem steinernen Hohlkörper wieder ein richtiger Kirchturm geworden. Er würde wieder seinen Zweck erfüllten. Natürlich müssen Sie mit ihrem Gebet oder Kirchgang nicht bis nächstes Jahr warten. In der schönen Advents- und Weihnachtszeit läuten oft die Glocken, gewiss auch in Ihrer Nähe. Lassen Sie sich einladen?

"Wort zum Sonntag", von André Rausendorf, Pfarrer der Kirchgemeinde Am Großen Stein Seifhennersdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 7./8. Dezember 2019.