Menschenwege und Gotteswege

„Was machst du in der Adventszeit?“ frage ich und bekomme zur Antwort: „Basteln, Geburtstag feiern, einkaufen, mit der Frau auf den Weihnachtsmarkt gehen, aufräumen zu Hause, mit den Enkeln backen, allerlei Vorbereitungen“ und anderes mehr. Maria in der Weihnachtsgeschichte bringt Jesus zur Welt, den Sohn Gottes. Dazu muss sie vorher auf einen Weg. Von Nazareth aus muss sie mit Josef, ihrem Mann, in Josefs Heimatstadt Bethlehem gehen. So hat es die Regierung angeordnet. Der Blick auf die Landkarte des Nahen Ostens verrät: Das sind 160 Kilometer. Wohl acht bis zehn Tage werden die beiden zu Fuß für die Strecke brauchen. Ich stelle mir vor, Maria und Josef sind wütend. Darüber, dass sie vor der Geburt ihres Kindes einen solchen Weg gehen sollen. Worauf sie sich damit einlassen. Wo es doch in den alten Schriften ganz umgekehrt steht, wie z. B. im Wochenspruch für den 3. Advent: „Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“ (Jes 40,3.10) Mal ehrlich: Sind Advent und Weihnachten so beliebt bei uns, weil wir meinen, ein anderer kommt, und ein anderer, nämlich Gott macht’s? Weil wir hoffen, wir können im Glanz von Lichtern und Sternen unsere Sorgen und Mühe irgendwo abstellen? Ich stelle mir vor, Maria und Josef merken, wie beim Reden miteinander ihre Fragen Raum bekommen. Ich stelle mir vor, sie entscheiden sich mit Vorfreude und mit Vorsicht für den Weg und für die Zukunft: Am Ende wird der Gottessohn bei ihnen sein. Sie brechen auf. Greifen auch wir Vorfreude und Achtsamkeit auf? Wäre schön.

"Wort zum Sonntag", von Gregor Reichenbach, Pfarrer in Oderwitz
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 14./15. Dezember 2019.