Tue ich genug?

Klimahysterie also - seit wenigen Tagen ist es bekannt, das Unwort des Jahres 2019: Klimahysterie. Die Aufregung ist gemeint, die offensichtlich rund um das Thema Klima und Wetter eingezogen ist – in journalistische Berichterstattungen, in die politischen Auseinandersetzungen, in die Verlautbarungen der Kirchen, in die Aktivitäten von Klimaschützern, in unsere alltäglichen Gespräche.
Klimahysterie? Jedenfalls ist man dieser Tage in vielen Gesprächen ruck zuck beim Klima: Wieder ein Winter ohne Schnee. Es müsste endlich wieder regnen! Was wird aus unserem Wald? Und wenn die Schüler schon unbedingt demonstrieren wollen, dann bitteschön am Samstag - sollen doch erst mal fürs Leben lernen, ehe sie die Alten belehren wollen (siehe Video: „Oma, die alte Umweltsau“). Heiß diskutiert die Frage: Müssen die ,Großen' endlich mutigere Entscheidungen treffen oder müssen vielmehr die ,Kleinen' in ihrem Lebensstil etwas ändern? Und Stichwort „Müssen“ - geht der Weg zu mehr Klimaschutz über Verbote oder über Freiwilligkeit oder über technologische Innovation?
Letztendlich - so ahnen wir jedenfalls, ohne es wirklich wahrhaben zu wollen - läuft es wohl auf ein mutiges und beherztes Sowohl-als-auch hinaus, eine Einsicht, die manche sicher schon als „hysterisch“ abstempeln werden.
Für unser heutiges Verstehen ähnlich „hysterisch“ hat Martin Luther vor 500 Jahren eine Frage formuliert: Tue ich eigentlich genug, damit ich einen gnädigen Gott bekomme? Und er fand nach langem innerem Ringen und manchen Irrwegen seine Glaubensantwort darauf (die die Theologie seitdem als Rechtfertigungslehre kennt): Gottes Gnade hängt gar nicht von unserem „Genug getan“ ab; und gerade so sind wir frei, verantwortungsbewusst und ganz ohne Angst als Christen zu leben.
Heute stellt sich für viele die Frage ähnlich: Tue ich eigentlich genug, um ein „gnädiges“ Klima zu bekommen? Meine persönliche Antwort auf diese Frage – hoffentlich ganz unhysterisch und trotzdem sehr verantwortungsbewusst: Ich möchte, so gut und aufmerksam ich es vermag, klimabewusst leben, aber ohne die ständige ängstliche oder mitunter besserwisserische Frage: Tue ich und tun die Anderen nun eigentlich schon genug fürs Klima?

Martin Luther sei Dank - seine alte Glaubenseinsicht hilft mir heute, weder in Hysterie, zu verfallen, noch dem billigen Hysterie-Vorwurf Glauben zu schenken.

"Wort zum Sonntag", von Thomas Markert, Pfarrer in der Kirchgemeinde Kemnitz,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 18./19. Januar 2020.