Keine Scheiterhaufen mehr!

Die Kirche gedenkt in diesem Jahr Martin Luthers. Er hat vieles erreicht. Doch wenn Luther heute noch leben würde, fände er eines unglaublich traurig.

Am 6. Juli 1415, also heute vor 602 Jahren, wurde der tschechische Reformator Jan Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Er war nicht bereit, seine theologischen Erkenntnisse und seine Kritik an der damaligen Kirche auf dem Konzil zu widerrufen. So musste er sterben - trotz der Zusicherung des freien Geleits durch den König. Jan Hus wird ein Ausspruch zugeschrieben, der fast prophetisch war. Er sagte vor seiner Verbrennung „Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.“

Der Name „Hus“ bedeutet auf Deutsch „Gans“, der Schwan wird auf den Reformator Martin Luther gedeutet, der rund 100 Jahre später, 1517, mit seinen 95 Thesen ähnliche Gedanken wie Hus vertrat. Luther wird deshalb manchmal mit einem Schwan dargestellt. Auch Luther hätte auf dem Scheiterhaufen enden können. Lang ist‘s her, wird mancher sagen. Die Geradlinigkeit und das Gottvertrauen von Menschen wie Hus und Luther und von vielen anderen haben dazu geführt, dass in unserem Land keine Scheiterhaufen mehr brennen. Heute gehört kein Mut mehr dazu, sich zur Reformation und zu deren 500. Jubiläum zu bekennen. Vielmehr wird der Reformationstag am 31. Oktober in diesem Jahr in allen Bundesländern als Staatsfeiertag begangen. Ob Hus und Luther ehrlichen Herzens mitfeiern könnten?

Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt. So hieß es damals. Dagegen stand Luther auf. Es war eine Irrlehre und eine Schande obendrein, Menschen das Himmelreich für Geld zu verkaufen! Gott bietet den Himmel als Geschenk an. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wir werden gerettet durch Gottes Gnade. Es zählt nicht, was wir leisten können, sondern, dass wir Jesu Leistung für uns in Anspruch nehmen. Würde Luther im Jubiläumsjahr dabei sein, suchte er wohl nach Menschen, die fröhlich ihren christlichen Glauben leben, die die Liebe weitergeben, die sie von Gott empfangen haben. Ob er sie finden würde? Gewiss! Aber er fände es wohl unglaublich traurig, dass so viele Menschen unserer Zeit gleichgültig und ohne Not auf die Liebe Gottes verzichten. Warum wollen Menschen freiwillig verloren gehen? Was muss geschehen, dass sie aufwachen?

"Wort zum Sonntag", von André Rausendorf, Pfarrer der Kirchgemeinde Am Großen Stein Seifhennersdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 6. Juli 2017


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