Wer bist Du denn!

In Würde leben, das geht nur gemeinsam zwischen Jung und Alt, Gesunden und Kranken.

Erschrocken blicke ich mich um. Mit wachen Augen schaut er aus dem Fenster des Altenheims. Es ist 6.00 Uhr morgens und ich komme gerade vom Joggen.

Ich kenne ihn gut. Aber er mich scheinbar nicht mehr. „Guten Morgen, Herr N. Ich bin P.P, der Pfarrer.“ „Ah, der Pfarrer.“ Sein Gesicht hellt sich auf und er lächelt. Ich halte an und rufe ihm zu: „Sie sind ganz schön früh auf“. Er winkt ab. „Mit dem Schlafen klappt es nicht so. Ich bin schon lange munter.“ Wir unterhalten uns noch ein wenig. Dann verabschiede ich mich. Er winkt mir hinterher. Das ist nun schon ein paar Jahre her. In meinem Herzen spüre ich Bedauern, denke an unsere Gespräche auf der Straße und beim runden Geburtstag und daran, wie er liebevoll über Jahre seine Frau begleitet hat, die auch an Demenz erkrankt war. Am Ende hat auch ihn die Krankheit ereilt. Zugleich rührt mich unsere Begegnung, lag in ihr für den Augenblick des Zusammentreffens etwas Besonderes, auch wenn er sich vielleicht beim Frühstück schon gar nicht mehr daran erinnert.

Seitdem bin ich vielen Menschen begegnet, die an Demenz erkrankt sind. Mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Sie reichen von einem liebevollen und achtsamen Begleiten durch Angehörige und Pflegepersonal bis hin zu abwertenden Aussagen wie: „Der merkt doch sowieso nichts mehr.“ Im Psalm 8 in der Bibel stehen die Worte: „Was ist der Mensch, dass du [Gott] seiner gedenkst. Du hast ihn wenig niedriger als Gott gemacht. Mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ Mit „Ehre und Herrlichkeit gekrönt“, das gilt nicht nur in der Kraft des Lebens, sondern auch – und vor allem (!) am Ende. Dank dem Segen der Medizin hat sich unsere Lebenserwartung deutlich erhöht. Dieses „Mehr“ an biologischem Leben kann für die Betroffenen aber (und wird es auch, …) zu einer großen Last werden, wenn die Betroffenen wohl „sauber und satt“ im Rollstuhl oder anderswo geparkt werden und der Verweis auf das hohe Alter das Einzige ist, was ihnen bleibt. In Würde leben, das geht nur gemeinsam zwischen jung und alt, Gesunden und Kranken. Das Wichtigste neben der äußeren Versorgung ist die Zuwendung und das Empfinden, auch in meiner Zerbrechlichkeit und Schwäche ernst genommen und wertgeschätzt zu werden. Auch wenn sich unser Bewusstsein im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, positiv verändert hat, so gibt es noch „viel Luft nach oben“ im Einüben der Achtsamkeit und Wertschätzung. Am Ende bin ich es selbst, der davon profitiert, weil der Umgang mit diesen Menschen meinen Blick auf die wichtigen Dinge des Lebens schärft wie auch für das Ende. Denn sollte es mich im Alter treffen, möchte ich meine Würde behalten - bis zuletzt.

"Wort zum Sonntag", von Peter Pertzsch, Pfarrer im Fachkrankenhaus Großschweidnitz,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 20. Juli 2017


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