Vor verschlossener Tür

Wir sind mit dem Fahrrad unterwegs durch die Oberlausitz. Einen großen Teil unserer heutigen Strecke haben wir geschafft. Jetzt suchen wir für die Mittagshitze einen guten Platz zum Rasten. Unser Radtourenbuch weist uns im nächsten Ort eine Kirche aus. Wir lesen das als eine Empfehlung und wollen in diesem Gotteshaus einkehren. Als wir ankommen und die Räder abstellen, werden wir unsicher: Das Tor zum Kirchhof ist zu und auf dem Weg dahinter wächst das Gras weitgehend ungestört. Der Schaukasten neben dem Tor gibt Auskunft: Einmal im Monat trifft sich die Gemeinde hier in der Kirche zum Gottesdienst. Damit ist die Chance, im Augenblick auf eine offene Tür zu treffen, sehr klein geworden. Einmal im Monat für nicht viel mehr als eine Stunde. Ich frage mich: Wie viele Menschen stehen zwischenzeitlich vor verschlossener Tür so wie wir jetzt?

Schade, ich wäre gern eingekehrt. Hätte mich für eine Weile in der Kühle des Gotteshauses ausgeruht. Hätte mir die Kirche angesehen. Hätte sie den Kindern gezeigt. Hätte einigen Minuten Ruhe bei Gott gesucht. Hätte. Aber daraus wird nichts, denn die Tür ist zu.

Bin ich enttäuscht? Nun ja, eigentlich weiß ich das ja. Die meisten Kirchen sind meistens zu. Ich frage mich in dem Moment, wie viele Menschen wohl an unseren beiden Kirchentüren geklinkt haben, ohne Einlass zu finden.

Ja, ich kenne auch einige der Gründe, die Gemeinden davon abhalten, ihre Kirchen zu öffnen. Wenn nebenan auf dem Friedhof selbst die Blumen von den Gräbern genommen werden, was verschwindet dann alles aus unseren Gotteshäusern – Dinge, die für eine Gemeinde von Bedeutung sind, für andere aber lediglich einen Materialwert besitzen.

Auch praktische Fragen spielen eine Rolle: Wer schließt zuverlässig auf und zu? Manche Gemeinden sind mittlerweile so erschöpft, dass sie hierfür niemanden finden können.

Trotzdem: Das Signal ist widersprüchlich, das merke ich spätestens jetzt, als ich selbst vor der verschlossenen Tür stehe. Eine Gemeinde, die gern offen sein will (offen für alle, sagen wir oft leichtfertig), deren Kirche aber 718 von 720 Stunden im Monat zu ist, ist praktisch eine geschlossene Gesellschaft. Daran ändert auch die Notiz im Schaukasten wenig, die darauf hinweist, man könne drei Häuser weiter klingeln und sich von Frau Neubert die Tür aufschließen lassen. Aber unter dem Blick von Frau Neubert, die ich gerade in ihrem Tagwerk gestört habe, wird es mir schwer, Andacht in der Kirche zu finden und einen Moment allein mit meinem Gott zu sein.

Ich klingle also nirgendwo, steige wieder aufs Rad und weiter geht’s. Dann eben nicht.

"Wort zum Sonntag", von Elisabeth Süßmitt, Pfarrerin der Kirchgemeinde Kittlitz-Nostitz,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 10. August 2017


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