Christliches Abendland?

Nicht durch Zuwanderung, sondern durch Gleichgültigkeit und Entfremdung vom Glauben verliert es sein Gesicht.

Das klingt gut: „Wir verteidigen das Abendland!“ Was ist gemeint, mit dem (ursprünglich als „christlich“ bezeichneten) Abendland? Zunächst muss man ganz nüchtern feststellen, dass dieses „Abendland“ offenbar dabei ist, sein christliches Antlitz mehr und mehr zu verlieren. Das geschieht vorrangig nicht etwa durch Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturen, sondern viel einfacher: durch Entfremdung vom christlichen Glauben und durch Gleichgültigkeit. Gleichwohl: Das Christentum war durchaus prägend für Europa bis in unsere Zeit hinein, unsere Kultur, unsere Werte sind Zeugnisse dafür.

Was also nun verteidigen, angemahnt oft durch selbst ernannte Verteidiger? Wobei, der Begriff „verteidigen“ ist fehl am Platz, da wir uns als Christen nicht angegriffen fühlen. Besser wäre es, wenn man formulieren würde, „wir setzen uns für die christlichen Werte ein, die unser Miteinander in der Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg geformt haben“. Darüber lohnt es sich in der Tat nachzudenken, was Werte wie tätige Solidarität (in der Bibel „Nächstenliebe“ genannt), Menschenwürde, Empathie, Freiheit, Toleranz, Gleichstellung und Gleichberechtigung aller Menschen, Teilhabemöglichkeiten für alle und Respekt heute bedeuten. Richtig ist, dass genau diese christlichen Werte aus dem Neuen Testament in der Geschichte zuweilen gegen den Widerstand der Kirchen durchgesetzt werden mussten.

Die Ergebnisse der Wahlen zum Bundestag vor vier Wochen haben gezeigt, wie unterschiedlich die Auffassungen dazu unter uns sind, sogar der Zusammenhalt in der Gesellschaft könnte gefährdet sein. Also müssen wir sprechen, nicht übereinander, sondern miteinander, und zwar ohne Vorbedingungen und Vorbehalte. Sonntagsreden oder Wutreden helfen nicht weiter. Gehen wir offen miteinander um, offen für Argumente und Ergebnisse, offen für Einwände und Ängste, mit dem Willen und der Bereitschaft zum Zuhören und zur Verständigung. Jeder, der sich einbringt, ist willkommen, denn es geht um die Werte, die künftig unser gemeinsames Leben ausmachen werden.

Klar, dass Christen und Kirchen an dieser Diskussion teilnehmen wollen, und niemand soll ausgegrenzt werden. Es wird ja bereits engagiert diskutiert, bei Familienfeiern und an Stammtischen, unter Kollegen und in der Nachbarschaft, in Gemeinden und Parteien. Was bleibt wichtig, geradezu unverzichtbar für uns? Und wenn bei diesen Gesprächen der eine oder andere christliche Werte oder sogar den christlichen Glauben als Lebensmodell wieder entdeckt- das wäre erfreulich.

"Wort zum Sonntag", von Gotthilf Matzat, Pfarrer im Ehrenamt
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 26. Oktober 2017


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