Das geht gar nicht!

Es wird Zeit, dass wir die Mauer des Egoismus wieder durchbrechen.

Natürlich sind wir alle genervt, wenn unsere Pläne durchkreuzt werden. Wir sind ohnehin schon knapp dran, dann müssen wir plötzlich wegen einer Baustelle einen Umweg fahren. Es ist ja gut, dass die Straße gebaut wird! Manchmal nervt es halt, deswegen diesen Umweg zu fahren oder an der roten Ampel warten zu müssen. Die Vernunft sagt: Wenn uns Autofahrer die Schlaglöcher stören, müssen wir Baustellen in Kauf nehmen.

Es kann auch nerven, wenn wir auf der Autobahn wegen eines Unfalls plötzlich warten müssen: Im Verkehrsfunk heißt es dann lapidar: Planen Sie 58 Minuten mehr ein. Das kann schon ärgerlich sein. Aber Hand aufs Herz: Wäre es nicht viel schlimmer, wenn mir selbst der Unfall passiert wäre? Dann wäre ich froh, wenn ich ihn gegen die 58 Minuten Warten tauschen könnte. Sollte ich im Stau nicht vielmehr Gott dankbar sein, dass dieser bittere Kelch an mir vorübergegangen ist? Eine Rettungsgasse zu bilden, die Retter und Helfer nicht zu behindern, ist dann selbstverständlich, auch wenn dieser Unfall meine Tagesplanung durcheinanderbringt.

Ich habe mir angewöhnt, wenn ich im Stau oder auch sonst einen Rettungswagen mit Sondersignal höre oder sehe, für den Menschen in Not und die Retter, die mit ihm oder zu ihm unterwegs sind, zu beten. Darüber wird vielleicht mancher lächeln. Aber was ist besser? Sich mit der Not eines Menschen und mit seinen Rettern innerlich zu solidarisieren und um himmlischen Beistand zu bitten oder sich über die Wartezeit zu ärgern und innerlich immer mehr zu kochen? Oder noch schlimmer, die Retter zu behindern, zu beschimpfen oder gar das Rettungsauto zu demolieren? So geschehen Anfang der Woche in Berlin, als ein Rettungswagen das Auto eines jungen Mannes zugeparkt hatte. Nicht, um ihn zu ärgern, sondern weil ein kleines Kind in Lebensgefahr war und sofort Hilfe brauchte und der Rettungswagen nicht erst lange einen Parkplatz suchen konnte.

Bei allem verständlichen Ärger über eine Störung meiner Pläne, wenn es um Menschenleben geht, dann müssen private Interessen zurücktreten. Dass man in unserer Gesellschaft über solche Selbstverständlichkeiten überhaupt reden muss, ist sehr bedenklich. Wo kommen diese Herzenskälte und Gefühllosigkeit her? Denn dieser Fall von egoistischer Hartherzigkeit ist leider kein Einzelfall.

Solche Berichte, auch aus ganz anderen Zusammenhängen unseres Alltags, hören wir ja immer wieder und viel zu oft. Als vor 28 Jahren die Mauer geöffnet wurde und die Menschen sich in die Arme fielen, gab es noch etwas, das heute zumindest sehr stark abgenommen hat: Gemeinschaftsgefühl, das Bewusstsein: Wir gehören zusammen, ich bin bereit, mich für andere Menschen einzusetzen, auch wenn ich davon keinen Vorteil habe. Unser auf Konsum und Gewinn ausgerichtetes Leben sortiert Mitmenschlichkeit immer mehr aus. Rechnet sich nicht.

Was in der Wirtschaft schon lange üblich ist, kommt jetzt so langsam im Alltag der Menschen an. Hauptsache, meine Pläne werden verwirklicht. Hauptsache, ich erreiche pünktlich mein Ziel. Hauptsache, ich... Das funktioniert so lange, wie ich stark genug bin, mich zu behaupten. Aber jeder von uns wird früher oder später einmal schwach sein und auf Mitmenschlichkeit angewiesen sein. Was dann? Es wird Zeit, dass wir untereinander die Mauer des Egoismus endlich durchbrechen. Jesus sagt: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst! Daran aber fehlt es unter uns. Mit Liebe im Herzen ist vieles leichter zu ertragen, auch ein Stau, meistens jedenfalls.

"Wort zum Sonntag", von André Rausendorf, Pfarrer der Kirchgemeinde Am Großen Stein Seifhennersdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 9. November 2017


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