2026-05-17 – Ist das Kreuz anziehend?
„Ist das Kreuz Jesu anziehend?“, fragte ich in unserer Jugendgruppe, der Jungen Gemeinde. „Eher nicht“, war die Antwort einer Jugendlichen: „Angesichts der zurückgehenden Kirchenmitgliedszahlen, kann man nicht gerade von Anziehungskraft sprechen.“ „Aber die Kreuze am Straßenrand,“ versuchte ich es erneut, „ziehen meinen Blick auf sich. Sie machen mich betroffen und traurig.“ „Ja, ich wurde vor ein paar Tagen auf mein Armband, auf dem ein Kreuz aufgedruckt ist, angesprochen“, berichtete eine andere aus der Runde. Das fällt den Menschen auf. Aber ob das Kreuz Jesu deswegen anziehend ist?
„Das Kreuz ist doch auch ein Symbol der Hoffnung“, brachte jemand anderes ein. „Jesus hat unsere Schuld am Kreuz getragen. Das ist doch eine starke Perspektive.“ Noch so ein wunderbarer Gedanke, den ich im Austausch mit jungen Menschen einfangen kann: Das Kreuz ist der Ort der Versöhnung. Unter dem Kreuz versammeln sich die unterschiedlichsten Menschen und feiern versöhnte Gemeinschaft miteinander und versöhnte Gemeinschaft mit Gott. Und das ist wirklich etwas Besonderes. Wie Versöhnung nicht geht, konnte sich die Weltöffentlichkeit vor Kurzem beim FIFA-Kongress anschauen. Gianni Infantino, der Oberpriester des Weltfußballs, versuchte die Vertreter aus Israel und Palästina zu einem Handschlag zu überreden. Das peinliche Vorhaben scheiterte kläglich. Doch was der Ball nicht kann, hat das Kreuz immer wieder geschafft. Menschen, die sich feindlich gegenüberstanden, haben fernab der Kameras am Kreuz Versöhnung erlebt. Denn das Kreuz wirft meinen Blick zurück auf meine eigenen Verfehlungen. Die hat Jesus auf sich genommen, ebenso wie die Schuld des anderen.
„Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen“, (Johannes 12,32) sagt Jesus im Wochenspruch. Erhöhung hat im Johannesevangelium meistens auch mit seiner Kreuzigung zu tun. Nach wie vor versammeln sich jeden Sonntag unzählige Menschen unter dem Kreuz und feiern diese versöhnte Gemeinschaft mit Gott und miteinander. Das Abendmahl ist dafür vielleicht das eindrücklichste Zeichen. Das Kreuz Christi ist also doch nach wie vor anziehend. Die Frage ist nur: Lasse ich mich bewegen?
Gastbeitrag in der SZ-Kolumne „Um Himmels Willen“ von Pfarrer Michael Müller mit der Jungen Gemeinde, Kirchgemeinde Am Großen Stein Seifhennersdorf, erschienen in der Wochenendausgabe vom 16./17. Mai 2026.