2026-06-21 – Ein Hingucker
Haben Sie es schon gesehen? Gleich am ersten Tag konnte ich damit eine richtig schöne Erfahrung machen. In Löbau am Bahnhof gibt es seit letztem Wochenende eine Kunstinstallation. Ein Blickfang für jeden der kommt oder mit der Bahn wegfährt. Im Zusammenhang mit dem Projektwochenende „Löbau, wie geht’s?“ sind in Löbau drei anregende Kunstwerke entstanden – eins am Bahnhof. Ein freiwilliges Team hatte in einer 48-Stunden-Aktion zusammen mit einer Künstlerin die Aufgabe, Lebensfreude am Löbauer Bahnhof anzuregen. Auf großen, schön geformten Holzplatten springen einem mit viel Farbe interessante Fragen entgegen. Z.B.: Worüber hast du Dich heute gefreut? Ich kuckte mir das gleich am Sonntag an. Drei Leute standen dort und riefen lachend zu mir rüber: Kannst Du alles mit Alkohol beantworten. Worüber hast Du Dich gefreut? – über Alkohol. Was machst Du, wenn Du traurig bist? – nimm Alkohol. Wovon träumst Du? – von Alkohol. Na prima, dachte ich im Stillen bei mir und wollte gehen. Da kamen wir doch noch ins Gespräch. Das veränderte meine Gedanken. Ich finde die Fragen gut, sagte der eine, die regen mal zum Nachdenken an. Und die andere sagte: Das sind mal nicht so blöde Sprüche oder Parolen, die einen nur bevormunden wollen. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so ein gutes Gespräch haben könnten. Diese Erfahrung erinnert mich an ein anderes schönes Erlebnis. Vor zwei Wochen zur Konfirmation hat sich eine Jugendliche den Bibelvers ausgesucht: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“ (1. Sam. 16,7) Dieses Erlebnis am Bahnhof mit den 3 Leuten, die so ganz anders waren als ich, hat mich sofort an diesen Bibelvers denken lassen. Ja, so bin ich, so sind viele Menschen oftmals. Ich urteile schnell nach dem ersten Eindruck und halte dann meine Meinung fest. Dieser Bibelvers will mich aber ermutigen: Machs wie Gott, schau hinter die Fassade, versuche das Herz des anderen zu erkennen. Versuche seine Sehnsüchte, seine Verletzungen, seine guten Gaben zu erkennen. Die sind bei jedem Menschen zu finden, meistens aber nicht auf den ersten oder den äußerlichen Blick. Vor 39 Jahren ist dieser Bibelvers mir als Konfirmand zugesprochen worden. Inzwischen ist er mir ein richtiges Zwiegespräch mit Gott. Gott sieht mein Herz an. Er sieht es mit so viel Liebe an. Das macht mich dankbar. Sollte ich andere nicht auch mit Liebe ansehen? Haben sie auch Lust dazu?
Gastbeitrag in der SZ-Kolumne „Um Himmels Willen“ von Pfarrer Daniel Mögel, Kirchgemeinde Löbau, erschienen in der Wochenendausgabe vom 20./21. Juni 2026.
