2026-07-19 – In einer WG mit Gott

Vielleicht nutzen Sie die Urlaubszeit für einen Besuch bei Freunden oder Verwandten. In der Wohnung der Gastgeber wird Ihnen eine Schlafgelegenheit zugewiesen. Möglicherweise werden Sie sogar von früh bis abends versorgt. Sie müssen sich nicht um das Essen kümmern und auch nicht den Müll runterbringen. Eigentlich ist es doch ganz schön, Gast zu sein. Doch wenn aus den Tagen Wochen oder Monate werden, verwandelt sich das schöne Gefühl, sich einmal um nichts kümmern zu müssen, schnell in Heimatlosigkeit. Die (Un-)Ordnung des Hauses einfach hinnehmen zu müssen oder der Verdacht, anderen auf die Nerven zu gehen, erinnert vielmehr daran, hier dann doch irgendwie fremd zu sein.

Bei Gott sind wir keine Gäste und keine Fremden mehr, sondern sogar seine Mitbewohner: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“, lautet der Wochenspruch aus dem zweiten Kapitel des Epheserbriefes. Die Pointe dieses Satzes besteht darin, dass ich bei Gott zu Hause bin. Bei ihm zu sein, soll keinen Kurzurlaub oder ein nettes Wiedersehen einmal im Jahr darstellen. Ebenso wenig bin ich einfach nur für ein paar Tage geduldet und immer halb auf dem Absprung. Bei Gott bin ich vollwertiges Mitglied in seiner Wohngemeinschaft. Durch den Glauben ziehe ich bei ihm ein. Wenn ich in meinem Leben auf ihn vertraue oder – im Bild gesprochen – wenn ich bereit bin, mit Sack und Pack in seine WG überzusiedeln, finde ich bei ihm eine wunderbare Bleibe. Das Beste daran ist vielleicht nicht die Zimmergröße oder der 50-Zoll-Fernseher, sondern dass ich bei ihm immer anklopfen kann.

Für mich persönlich wurde dieses Wohnen in der WG Gottes auch praktisch greifbar. Wenn ich selbst in eine neue Stadt oder neue Gegend gezogen war, wurde ich in den Kirchgemeinden oft genug herzlich empfangen und hatte schon nach einigen Monaten das Gefühl, nicht mehr nur Gast zu sein. Das ist für mich selbst Antrieb, mit unserer Kirchgemeinde nicht nur gastfreundlich zu sein, sondern auch für Interessierte und Zugezogene zur Heimat zu werden. Mögen Gott uns dazu seine Kraft und Weisheit verleihen.

Gastbeitrag in der SZ-Kolumne „Um Himmels Willen“ von Pfarrer Michael Müller, Kirchgemeinde Am Großen Stein Seifhennersdorf, erschienen in der Wochenendausgabe vom 18./19. Juli 2026.