2020-01-11 – Gott wirkt durch Menschen

Als ich ein Kind war, betete ich jede Nacht dafür, dass ich ein Fahrrad bekomme. Dann wurde mir klar, dass Gott so nicht arbeitet, also habe ich stattdessen eines gestohlen und ihn gebeten, mir zu vergeben.“ – In diesem Witz komme ich natürlich nicht zu dem gleichen Schluss wie der Protagonist. In der Welt, in der ich lebe, findet man sich in Demut mit den Gegebenheiten ab und vertraut darauf, dass Gott schon weiß, was er tut.
Aber mich begeistert die (ursprünglich englische) Formulierung: „… wurde mir klar, dass Gott so nicht arbeitet“. Gott erfüllt meine Erwartungen nicht – und das liegt womöglich an meinen Erwartungen!
Wenn ich überlege, „wie Gott arbeitet“, dann wird mir klar, dass Gott nur sehr selten durch Wunder persönlich eingreift. Gott wirkt durch Menschen. Als Helfer, der dem Hungernden Nahrung bringt; als Mutiger, der nach der Zerstörung neu aufbaut; als Freundin, die die Einsame nicht allein lässt. Gott handelt im Kleinen, durch schwache Menschen, erkennbar an der Mitmenschlichkeit und an der Hoffnung. Gott stellt sich auf die Seite der Verlierer – und er gibt uns den Auftrag, uns für sie einzusetzen. So verstehe ich den Bibelspruch für die kommende Woche: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder (Römer 8,14). Allerdings gibt es viele, die davon überzeugt sind, Gottes Willen zu tun. Manche kommen da geradezu zu gegensätzlichen Auffassungen. Und es lässt sich häufig nicht sofort erkennen, was als das Richtige zu tun wäre. Manchmal handle ich nach bestem Wissen und Gewissen – und erst Jahre später wird mir klar, dass ich mich dadurch schuldig gemacht habe.
Wie arbeitet Gott? Tröstlich finde ich die Erkenntnis von Dietrich Bonhoeffer: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ Gott wirkt. In allem Lebendigen, Gütigen, Hoffnungsvollen in der Welt erkenne ich Gottes Wirken.

„Wort zum Sonntag“, von Barbara Herbig, Pfarrerin der Kirchgemeinde Zittauer Gebirge-Olbersdorf,
veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung vom 11./12. Januar 2020